Aufsatz 
Festschrift zur Jubiläums-Feier des 50jährigen Bestehens der Unterrichtsanstalten der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a.M. 1903
Entstehung
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25 lehren, zu beobachten und zu erfüllen alle Worte Deiner Lehre mit Liebe. Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird aus diesen Worten auf einen Zustand der Gesellschaft schliessen müssen, in welchem die allgemeine Lehrpflicht als eine solche in der Tat von weiten Kreisen empfunden und geübt worden ist, Lernen und Lehren sollten aber nicht einer einsei- tigen Verstandesbildung dienen, sondern als Blüte oder vielmehr als Frucht alles Studiums des Lehrgehaltes wie der Geschichte sollte die religiös-sittliche Tat gezeitigt werden. Was Goethe in seinen Maximen und Reflexionen von dem Werte der Geschichte sagt*):Das Beste, was wir von der Geschichte haben, ist der Enthusiasmus, den sie erregt, kann man als eine mit der biblischen Auffassung zusammentreffende Zielbe- stimmung des geschichtlichen Unterrichts bezeichnen. In seinem Abschiedsgesange an das Volk ISsrael ruft Moses, um dem dro- henden sittlichen Verfall zu steuern, die Jugend seiner Zeit und jeder Zukunft auf, sich in die geschichtlichen Erinnerungen ihrer Nation zu versenken, von ihren Vätern und Grossvätern sich geschichtliche Belehrung zu erbitten:Gedenke*) der Tage der Vorzeit, erkennet die Zeiten der verflossenen Geschlechter; frage Deinen Vater, dass er Dir erzähle, Deine Alten, dass sie Dir verkünden.

Der Verlaut dieser Auseinandersetzungen führt unserer Meinung nach zu dem auch kulturhistorisch bemerkenswerten Er- gebnis, dass in dem Erziehungsplane des Pentateuchs das Eltern- haus nicht nur als eine Stätte der sittlichen Zucht, sondern ge- radezu als ein Lehrhaus, die Söhne und Töchter nicht nur als Kinder, sondern auch als Schüler des Hauses gedacht sind. Aber die Erforschung des göttlichen Gesetzes und des Waltens der Vorsehung in den geschichtlichen Zeitläuften ist nicht nur eine Aufgabe des heranwachsenden Jünglingsgeschlech- tes, sondern auch eine Pflicht der Erwachsenen, die bis an ihr Lebensende, wie wir am Anfange dieser Abhandlung dargelegt, sich als Zöglinge des Gottesgesetzes anzusehnen haben. Gerade die Pflicht des Lehrens aber, die für jeden Israeliten verbind- lich ist, bringt es mit sich, dass der Vater selbst das Lernen

47) Goethe's Werke, Ausgabe von Geiger, Band X. S 365. 48) Pentateuch, C. 32, 7.

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