Aufsatz 
Festschrift zur Jubiläums-Feier des 50jährigen Bestehens der Unterrichtsanstalten der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a.M. 1903
Entstehung
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Persönlichkeit und die Heiligung des gesamten irdischen Lebens zu erzielen.Alle Satzungen und Verpflichtungen des Gottesge- setzes, heisst es in einem uralten Kommentar ³²) zum ersten Buche des Pentateuch,seien nur gegeben, um die Geschöpfe durch ihre Beobachtung zu läutern, zu läutern nämlich ihre Gotteserkenntnis und ihr Verhalten zu den Nebenmenschen. In diesen Geist des jüdischen Gesetzes die Kinder einzuführen, da- mit kann nicht früh genug begonnen werden, und nur die Eltern können dies leisten. Diese erste Einführung aber kann natürlich noch nicht auf dem Wege des Unterrichts oder der religiösen Reffexion vor sich gehen. Hier muss man sich zunächst an die Empfänglichkeit der kindlichen Augen und Ohren wenden, die auf die Handlungen und Reden der Erwachsenen achten. So kann den Kindern eine Menge von Wissen und Können bereits vermit- telt werden, bevor die planmässige Belehrung an sie herange- treten ist. Das lebendige Beispiel der Eltern ist zunächst der einzige, aber auch der seines Erfolges sicherste Lehrmeister. Das Gottesgesetz verlangt es ausdrücklich, dass die Eltern, wo es angeht, den Kindern Gelegenheit geben, das religiöse Leben im Elternhause zu beobachten. Schon früh soll man ihre Auf- merksamkeit auf die religiösen Ceremonien und die religiös-sitt- lichen Handlungen hinlenken, die Wissbegier der Kinder und ihren Hang zum Fragen spornen und ihrem Nachahmungstriebe ein Feld der Betätigung eröffnen. Denn sie atmen mit dem von ihnen auch nur äusserlich Geübten, mit dem von ihnen nur un- verstanden Nachgelallten zugleich auch religiöse Stimmungen ein, und früh schon zieht mit ihnen ein religiöses Ahnen und Sehnen in die wachen Kinderherzen ein. Den jungen Acker ihrer unbe- rührten Seele soll man schon früh bearbeiten, denn gar bald kommt die Zeit, wo die heiligen Saaten des Gotteswortes selbst in ihrem Gemüte Wurzel schlagen sollen.

Eine charakteristische Vorschrift der talmudischen Überlie- ferung zeigt uns deutlich, wie ernst die alten israelitischen Weisen die Erziehungsaufgabe auffassten. Wichtige Sätze des Lehr- gehaltes des Pentateuchs, verlangen sie, soll man schon dem eben zum Verständnis reifenden Kinde vermitteln.Sobald ⁴⁹)

30) Bereschith Rabbah Cap. 41. 40) Talmud Traktat Suckah 42 a.

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