Aufsatz 
Festschrift zur Jubiläums-Feier des 50jährigen Bestehens der Unterrichtsanstalten der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a.M. 1903
Entstehung
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dem Wechsel der Zeiten, von dem auch sie nicht unberührt bleiben konnte, etwas von dem Prinzip opfern, auf dem sie sich aufgebaut hat, oder hat sie etwas davon geopfert?

Jede andere Schule wird sich, an einem markanten Abschnitt ihres Daseins angelangt, diese und ähnliche Tragen vorlegen, aber von der Antwort, die sie sich bei gerechter Prüfung geben muss, ob sie ihr Gründungsprinzip hat aufgeben müssen, hängt nicht die Berechtigung ihrer Existenz ab. lèein humanistisches Gymnasium kann, durch Verhältnisse gezwungen, sich in ein Real- gymnasium, ja sogar in eine Realschule umgewandelt haben und umgekehrt, aber dennoch ihre Existenzberechtigung haben. Unsere Schule aber, gäbe sie ihr, von ihrem Gründer, dem seligen Rabbiner Samson Raphael Hirsch, festgelegtes Prinzip auf,*) wissen- schaftliche Bildung mit dem Thorastudium zu vereinen, nicht eines neben dem andern zu dulden, sondern beide als gleich- berechtigt anzuerkennen, würde dieses Prinzip aufgogeben werden, so wäre dies die ausgesprochene Anerkennung von der Nicht-Existenzberechtigung unserer Schule.

Denn für die Errichtung einer Realschule, die a uch den jüdischen Unterricht berücksichtigt, lag kein Bedürfhis vor, und ein solches liegt in allgemeinen nicht vor, um zu einer Neu- gründung zu schreiten. Eine solche wiederum, die den sogenannten Profanunterricht als ein notwendiges Übel seufzend hinnimmt, wird keine jüdischen Bürger der Gegenwart erziehen können.

Aber die Frage nach der Existenzberechtigung ist noch von einem andern Gesichtspunkt aus zu stellen und zu beant- worten.

Es mag ja die Frage, ob das Prinzip gewahrt worden, bejaht werden können, dies muss aber noch nicht für die Existonz- berechtigung zeugen. Ist es ja möglich, dass eine Schar Begei-

*)Sie(die Schule) basiert auf dem alten, im judentum sanktionierten Grundsatze, dass soziales Wissen und Leben und religiöses Wissen und Leben sich nicht nur nicht gegenseitig ausschliesse, sondern sich gegen seitig bedinge, sich gegenseitig ergänze und vollende, und erst in innigster Vereinigung und Durchdringung das Heil erzeuge, das überhaupt auf Erden anzustreben sei. Worte Rabbiner Hirsch's aus den grundlegenden allge- meinen Bestimmungen des Lehrplans für die neu zu gründende Schule. S. Anhang Nr. II.