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erlangt hat, ihm einen Vergessenheitstrank eingibt, ihn liebend hütet und sein Heimweh zu be- siegen sucht, so wird es unmöglich, nicht an Kalypso zu denken. Nehmen wir noch die am be- treffenden Ort zu erwähnenden geradezu frappanten Uebereinstimmungen mit dem bei Homer von den Plankten und dem Kyklopen Erzählten hinzu, so werden wir wohl trotz Gerlands Zweifeln ¹) mit Recht sagen dürfen, dass eine derartige Uebereinstimmung keine zufällige sein könne. Jülg hat das grosse Verdienst, zuerst auf diese Uebereinstimmung hingewiesen, zuerst, wenn auch leise, von einem Transport dieser Märchenstoffe aus Griechenland zu den Mongolen gesprochen zu haben. Aber wie dieser Transport Statt gefunden, das dürfte vorläufig ein unlösbares Räthsel sein ²). Freilich ist es jetzt, nachdem Benfey den indischen Ursprung der meisteu abendländischen Märchen nachgewiesen, leicht und auf den ersten Blick bestechend, auch hier eine Sanskritquelle für beide— die griechische und die mongolische— Fassungen anzunchmen; aber bei genauerer Betrachtung ergibt sich hier doch ein ganz anderer Sachbestand. Erstens ist die Benfey'sche Ansicht durchaus nicht für alle Märchenstoffe massgebend. Es ist ebenso berechtigt, pei vielen statt einer wirklichen Entlehnung an ein gemeinschaftliches Erbe aus der Urheimat zu denken, und bei der im Grossen und Ganzen doch überall gleichen Natur des menschlichen Geistes ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass einzelne Volksstämme sich ganz selbständig ihre Sagen und Märchen bilden, die trotzdem mit den ebenfalls selbständigen Produktionen anderer Völker auffallende Aehnlichkeit zeigen. Zweitens lassen sich die den meisten indischen und demzufolge auch vielen späteren Märchen zu Grund liegenden Quellen nur zum Theil bis in die Zeit vor Christus zurückführen, die meisten gehören der christlichen Zeitrechnung bis zum 10. Jahrhundert an, während bei allem Streit um die Entstehung der homerischen Gedichte doch allgemein spätestens das 9. oder 8. Jahrh. v. Chr. als Fixirungszeit der uns vorliegenden Form angenommen werden kann, was für die hineinverwobenen Sagen- und Märchenstoffe natürlich ein noch höheres Alter voraussetzen lässt. Und selbst wenn die bisher nicht vorhandene indische Sammlung aufgefunden werden sollte, in der jene Sagen, wie wir sie aus der Odyssee und nun auch aus dem Gedicht von Gesser Chan kennen, uns mitgetheilt würden, so wäre immer noch eine sehr vorsichtige Untersuchung über das Alter dieser neuentdeckten indischen Quelle und ihr Verhältniss zu jenen beiden Dichtungen vonnöthen. So lange diese aber nicht existirt, sind wir berechtigt, auf die bis in einzelne Detailzüge*) gehende Uebereinstimmung der beiden Dichtungen hinzuweisen und die Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit zu betonen, dass diese bei einem nach Christus entstandenen Gedicht nur durch Entlehnung aus dem vielleicht anderthalb Jahrtausende früher entstandenen zu erklären sei. Nehmen wir dies an und halten wir als Entstehungsland der homerischen Gedichte Kleinasiens Westküste fest. Würden die homerischen Sagengebilde auf dem Wege durch Indien zu den Mongolen gekommen sein, so würden sich ganz sicher Anschauungen und culturelle Eigenthüm- lichkeiten beigemischt haben, die leicht ihren Ursprung verrathen hätten. So aber, wie Jülg sie uns mittheilt, erscheint die Sage von Gesser Chan wie ein urwüchsig mongolisches(religiös: buddhistisches) Sagengestrüpp, auf dessen einzelne Zweige griechische Reiser direkt aufgepropft worden sind. Und zwar ist einerseits die Annahme einer Uebertragung durch den Eroberungszug Alexanders, der, wie Arrian(B. 4) berichtet, ja bis in die Gegend von Chokand vorgedrungen ist, möglich; andererseits aber auch der Gedanke nicht zuriückzuweisen, dass ebenso wie nachgewiesenermassen bei dem Einfall der Mongolen in Europa im 13. Jahrhundert indische Geistesprodukte zu Slaven und Germanen über- geführt worden sind, umgekehrt auch eine Aufnahme europäischer und kleinasiatischer Stoffe in das geistige Eigenthum der Mongolen Statt gefunden haben könne und unter diesen die homerischen Ge- stalten in die Hochebenen Centralasiens eingewandert seien. Beweise fehlen.
¹) Gerland, Altgriech. M. in der Odyssee. Magdeburg. 1869. S. 48.
²) Jülg selbst, der zweifellos gründlichste Kenner dieses Gebiets, erklärt hier vor einem Räthsel zu stehen, das er nicht zu lösen vermöge(in einem Privatbrief an den Verf. vom 17. Juli 1878).
³) Weiteres darüber s. u. Phäaken, Polyphem und Plankten.


