Glazjale Erscheinungen im Odenwald
von Lehramtsassessor W. Becker. M
Unter Glazialerscheinungen versteht man diejenigen Gebilde, die unter der Einwirkung der Eiszeit entstanden, insbesondere die unmittelbare Folge von Vergletscherung sind. Das Auftreten von Glazialerscheinungen ist für den Geographen und Geologen von grosser Bedeutung, da diese Gebilde auf eine Vergletscherung der Gebiete, in denen sie vorkommen, schliessen lassen. Die vorliegende Arbeit soll die Frage behandeln, ob auch der Odenwald zur Eiszeit vergletschert gewesen ist, d. h. ob die als Glazialerscheinungen beschriebenen Gebilde den Forderungen genügen, auf Grund deren man ein Gebiet als zur Eiszeit vergletschert annehmen darf. Um diese Bedingungen zu finden und so das Wesen der Glazialerscheinungen zu er- kennen, betrachten wir zunächst in den heute noch vergletscherten Gebieten die analogen glazialen Wirkungen.
Das Wesen der Glazialerscheinungen.
Als Glazialerscheinung ist in erster Linie die Moränenbildung zu bezeichnen. Unter dem gewaltigen Druck des langsam das Tal sich hinabschiebenden Gletschers werden die Wände von allem leicht beweglichen Material befreit. Durch den fortwährenden Wechsel von Schmelzen und Wiederfrieren wird das Material dann zermalmt und in die Eismasse hineingeknetet. Diese zum Teil fein geriebenen Schuttmassen bedecken als Grundmoränen die Sohle der Gletschertäler und werden durch die trüben Gletscherbäche, welche das ab- schmelzende Wasser der Eisströme sammeln und aus mächtigem Gletschertor hervorbrechen, in die Tiefe geführt.
Weit beträchtlicher ist jedoch das Gesteinsmaterial, das infolge der starken Verwitterung in diesen kalten und feuchten Regionen von den Bergwänden auf den Rücken der Gletscher herabstürzt und von diesen allmählich hinabgetragen wird. Das sind die sogenannten Ober- flächenmoränen. Auf diese Weise werden ungeheure Massen von Felsgetrümmer und Bergschutt in die unteren Täler befördert. Ein Teil derselben gerät in die Spalten des Eises, um hier allmählich tiefer und tiefer zu sinken und das Material der Grundmoräne zu ver- mehren. Die Hauptmasse fällt dort zu Boden, wo der Gletscher infolge des Abschmelzens sein Ende erreicht. Dort türmt sich dann eine Endmoräne auf, die das Tal quer versperrt. Da nun infolge klimatischer Ursachen die Gletscher periodischen Schwankungen unterliegen, so breitet sich die Endmoräne beim Zurückziehen des Gletschers zu einer immer grösseren, verhältnismässig ebenen, aber aus losen Trümmermassen gebildeten Stufe aus. Dringt aber der Gletscher vor, so kann ihm dies früher von ihm selbst aufgeschüttete lockere Material keinen Widerstand entgegensetzen. Er wird die Hauptmassen vor sich herschieben und so wallartige Endmoränen von beträchtlicher Höhe erzeugen. In den Eiszeiten, besonders in der zweiten, sogenannten„Haupteiszeit“, in denen die Gletscher infolge des kälteren und feuchteren


