Aufsatz 
Geschichte des Progymnasiums und der Realschule zu Michelstadt während der ersten 50 Jahre ihres Bestehens von 1834-1884
Entstehung
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die höchſten Güter der Menſchheit, Wahrheit, Liebe, Friede, Recht, Geſetz und Glaube gedeihen, wo die Engel alle, welche den Menſchen ſicher durch das Leben geleiten, ein⸗ und ausgehen, wo die Gefühle treuer Kindes⸗ und Nächſtenliebe, des Gehorſams gegen Geſetz und Obrigkeit, die Anhänglichkeit zu Fürſt und Vaterland angefacht und gebildet werden, wo die Tugenden des deutſchen Volkes, Treue und Wahrhaftigkeit, Mut und Tapferkeit, Aufopferungsfähigkeit und Beharrlichkeit der Jugend eingepflanzt werden. Es folgten die gewaltigen Ereigniſſe der Jahre 1866 und 187%, welche die Löſung der deutſchen Frage zur Entſcheidung brachten, und das deutſche Volk zu der längſt erſehnten Einheit, zu der längſt verdienten Stellung führten, zugleich aber auch die Wichtigkeit der Entfaltung der geiſtigen und ſittlichen Anlagen des Volkes zeigten und eine Umgeſtaltung und Erweiterung des höheren Schul⸗ weſens gebieteriſch forderten. Es folgte die Eröffnung der Odenwaldbahn, welche die ſeither mehr ab⸗ geſchloſſene Gebirgsgegend in den Weltverkehr ſtellte, der Induſtrie und Landwirtſchaft neue Gebiete er⸗ öffnete und den Zugang von Schülern aus entfernten Orten ermöglichte.

Schon im Jahr 1868 wurde nach eingehenden Verhandlungen über Begriff und Zweck der Realſchule, über die wünſchenswerte Abteilung der Schüler in Klaſſen und deren Zeitdauer, insbeſondere über die Anforderungen, die man in einer Abgangsprüfung zu ſtellen hätte, wenn den auf der oberſten Stufe Austretenden das Recht zum Eintritt in den einjährig⸗freiwilligen Militärdienſt gegeben werden ſollte, die Anſtalt reorganiſiert, indem ihr eine 5. oder Oberklaſſe zugeſetzt wurde und die 3. Klaſſe einen zweijährigen Curſus erhielt, worauf ihr dieſe wichtige Berechtigung amtlich erteilt wurde. Zu den Erläuterungen über Begriff und Zweck der Realſchulen ſagte der Unterzeichnete:

Die Realſchulen ſind höhere Bildungsanſtalten, in welchen die körperlichen, geiſtigen und ſitt⸗ lich⸗religiöſen Anlagen der Jugend harmoniſch entwickelt werden und die Richtung zum geiſtigen Ein⸗ greifen in die praktiſchen Berufsarten erhalten, ſowie endlich in den Dienſt des ewigen Reiches Gottes geſtellt werden. Sie ſollen zunächſt den Menſchen nach ſeiner körperlichen, geiſtigen und ſittlich⸗reli⸗ giöſen Seite entwickeln, erziehen und ihn befähigen, in alle praktiſchen Berufsarten geiſtig einzugreifen. Nicht die Einführung der realiſtiſchen Unterrichtsfächer begründet das weſentliche Merkmal in dem Be⸗ griff der Realſchule, ſondern vielmehr die Verwendung derſelben im Dienſte der allgemeinen körperlichen, geiſtigen und ſittlich⸗religiöſen Entwicklung des Menſchen. Dieſe Unterrichtsfächer ſollen zwar mit Rück⸗ ſicht auf die praktiſchen Zwecke des Lebens verwertet, allein die höheren Bedürfniſſe des Menſchen müſſen durch ſie auch gleichmäßig befriedigt werden. Mit den realiſtiſchen Lehrobjecten allein können dieſe Schulen Stätten des Materialismus, der Halbwiſſerei und des Unglaubens werden, wenn nicht jene höheren, allgemein⸗menſchlichen Ziele maßgebend ſind, wenn nicht, mit kurzen Worten, der Menſch nach den verſchiedenen Seiten ſeines Weſens der Mittelpunkt aller Beſtrebungen des Unterrichts iſt und alle Lehrobjecte nur Werkzeuge und Mittel ſind, den Menſchen ſeiner erhabenen Beſtimmung gemäß zu entwickeln. Das realiſtiſche Bildungsziel verlangt, daß die entwickelten Kräfte die Rich⸗ tung zum geiſtigen Eingreifen in die praktiſchen Berufskreiſe erhalten. Es greift daher mitten in das vielgeſtaltige Leben der Neuzeit hinein und entnimmt ihm diejenigen Stoffe, welche in naher Beziehung zum Leben ſtehen, zugleich aber auch die erforderlichen Bildungsmomente beſitzen. Es benützt vor Allem die lebenden Sprachen, in deren Mittelpunkt die Mutterſprache zu ſetzen iſt, und die mathematiſchen Disciplinen zur Entwicklung der geiſtigen Anlagen, ſowie zur gründlichen Vorbereitung für alle prak⸗ tiſchen Berufskreiſe. Die Naturkunde im weiteſten Sinne, ſowohl das geiſtige Erfaſſen der in unend⸗ licher Mannigfaltigkeit geſtalteten Naturindividuen, des wunderbaren Baues derſelben und der geheim⸗ nisvollen Geſetze des Lebens, als auch das Eindringen in die Erkenntnis der über die ganze Natur aus⸗ gegoſſenen Kräfte, der Urſachen der wunderbar verketteten Erſcheinungsreihen dient ihm als ethiſches Bildungsmittel, ſowie zur gründlichen Einführung in die durch den Aufſchwung der Naturwiſſenſchaften umgeſtalteten Neuzeit. Das Gebiet der Welt⸗ und Culturgeſchichte verknüpft mit der ruhigen, abge⸗ ſchloſſenen Vergangenheit die im Fluſſe begriffene Gegenwart und lehrt das für das Verſtändnis der Gegen⸗ wart, für das zuverſichtliche Vertrauen in die Zukunft ſo notwendige Bewußtſein von dem Walten der göttlichen Vorſehung. Über die engen Schranken des Raumes in die unendliche Mannigfaltigkeit der Land⸗ und Völkergeſtaltungen, und die erhebenden Anſchauungen einer ewigen Weltharmonie trägt ſicher die phyſiſche, politiſche und mathematiſch⸗aſtronomiſche Geographie. Aug und Hand, die kunſtvoll ge⸗ bildeten Werkzeuge kunſtvoller Gebilde unſerer Zeit, finden ihre erſte tiefere Entwicklung in den graphiſchen Fächern, dem Freihandzeichnen, dem geometriſchen Zeichnen und der darſtellenden Geometrie. Endlich 4