Aufsatz 
Geschichte des Progymnasiums und der Realschule zu Michelstadt während der ersten 50 Jahre ihres Bestehens von 1834-1884
Entstehung
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Sie ſtärkt die Geſundheit und härtet ab gegen ſo manche Einflüſſe der Natur, die dem ſchwachen Körper oft unüberwindliche Hinderniſſe ſind und ein Heer von Krankheiten ihm zuführen, und wirkt in dieſer Beziehung ſogar noch vorteilhaft auf die folgenden Generationen.

Sie gibt dem Körper Schnellkraft und Gewandtheit; dieſe iſt dem Landmann und dem Hand⸗ werker, ſowie dem Beamten und Gelehrten, kurz überhaupt allen Menſchen ſo wünſchenswert und nötig, und doch geſchieht gewöhnlich ſo wenig, ſie ihnen zu verſchaffen.

Sie erhält und ſtärkt die Sinneskraft, die Wachheit des Geiſtes in den Sinnen. Man ſtaunt, wenn man von den Wilden hört, wie außerordentlich ſcharf ihre Sinne ſind, und wird mit Schrecken gewahr, wie unter den Städtern, zumal unter den höheren Ständen, die Sinneskraft von Generation zu Ge⸗ neration abnimmt. Hier muß die Erziehung nachhelfen durch mannigfaltige Übungen, die auf ſinnlichen Beobachtungen beruhen und ins Bereich der Gymnaſtik fallen.

2. Nutzen für die geiſtige Entwicklung. Die Gymnaſtik gibt dem friſchen, munteren Sinn, ſowie der Lebendigkeit, Beweglichkeit und dem Thätigkeitstrieb der Jugend, welche Eigenſchaften

ſie einmal von Natur beſitzt, Zeit und Gelegenheit, ſich vollſtändig geltend zu machen, leitet ſie aber

nach einer beſtimmten Richtung hin und ſetzt ihnen, indem ſie ſie einer feſten Ordnung unterwirft, ſie mit Abſichtlichkeit beherrſcht, überhaupt der Herrſchaft des Geiſtes unterordnet, die ſicherſte Schranke. Man weiß, wie in dieſer Beziehung die gewöhnliche Haus⸗ und Schulerziehung fehlt. Statt der jugend⸗ lichen Lebendigkeit und Beweglichkeit nachzugehen, unterdrückt man ſie lieber gänzlich, weil dieß viel leichter iſt, und greift zu dem gewöhnlichen Einſchüchterungs⸗ und Straffyſtem, das ſo große moraliſche Nachteile mit ſich bringt. Der Turnplatz iſt hier der Ort, wo das Richtige erzielt wird: nicht Unter⸗ drückung, aber Beherrſchung, nicht Ungebundenheit, aber reiner, edler Lebensgenuß. Laßt eure Knaben die jugendliche Kraft dort nur austoben, gewiß, ſie werden euch in der Schule und zu Haus gern Ruhe laſſen.

Sie nährt, weil die Übungen in Gemeinſchaft angeſtellt werden, den Geſelligkeitstrieb der Jugend, leitet ihn zu dem beſtimmten Ziel, durch vereinte Kraftanſtrengung ſich gegenſeitig anzuſpornen und zu ſtützen und zugleich in der Gemeinſchaft die beſten Zwecke zu erreichen. Wie ſie den Blick ſchnell und umſichtig macht, ſo erhöht ſie die Fähigkeit und Willigkeit, Andern zu helfen, wehrt ſo dem Egois⸗ mus und erzieht, weil jeder Teilnehmer gleich geachtet iſt, und weil auch dem Geübteſten noch ein Ziel zu erſtreben bleiben wird, zur Beſcheidenheit. Indem aber die Übungen immer nach einem beſtimmten Plan angeſtellt werden und zu denſelben ſtets eine gewiſſe Anſtrengung erforderlich iſt, bildet ſie zu Ordnungsliebe und Ernſt, der ſich deſſen bewußt iſt, was er zu erſtreben hat.

Sie gibt, wie überhaupt das Gelingen einer Abſicht die Zuverſicht erhöht, und weil die Übungen immer auf das Überwinden mannigfaltiger Hinderniſſe gehen, ein feſtes Selbſtvertrauen, weckt die Ent⸗ ſchloſſenheit und den Mut, der, neben dem Bewußtſein eines edlen Zweckes, namentlich auf dem der Kraft und perſönlichen Tüchtigkeit beruht, lehrt zugleich, indem ſie den Umgang mit gefährlichen Be⸗ wegungen nötig macht, der Gefahr mit Beſonnenheit entgegen zu gehen und begegnet der Tollkühnheit.

Sie weckt, indem ſie überall Anſtrengung der Kraft fordert, überhaupt Luſt am Gebrauch der Kraft. Vor Trägheit, Weichlichkeit, Schlaffheit, Angſtlichkeit, kurz vor dem ganzen Jammerzuſtande, den man Unjugendlichkeit nennt, bewahrt Nichts beſſer, als die Gymnaſtik. Wer auf dem Turnplatz recht tüchtig iſt, der zeigt auch Energie, Thatkraft in allen anderen Dingen. Sein gekräftigter Wille wird auch in geiſtiger und moraliſcher Beziehung die Elaſticität nicht verlieren, feſt und ſtark wird er nur auf die Pflicht gerichtet ſein, und wie vor niedrigem, gemeinem Sinnengenuß, vor dem Hingeben an ſchmutzige Lüſternheit, ſo auch wird vor Erbärmlichkeit in Geſinnungen und Verächtlichkeit in Hand⸗ lungen die Gymnaſtik ein heilſames Bewahrungsmittel ſein. Fleiß, Wahrheitsliebe, Zucht und Sittlich⸗ keit ſind die Genien, denen auf dem Turnplatze gerade ſo gut gehuldigt wird, wie in der Schulſtube;friſch, fröhlich, frei, fromm iſt der Wahlſpruch der Turner, und daß er zum Guten führt, hat wenigſtens an vielen Schulen die Erfahrung gelehrt, welche zeigt, daß die Turner ſich ſehr vorteilhaft durch Fleiß, Thätigkeit und Sittlichkeit vor den Nichtturnern auszeichnen.

Im Jahre 1845 erſchien das erſte vollſtändige Programm, in welchem der neue Director Steinberger einen Rückblik auf das erſte Decennium der Realſchule wirft. Er ſagt darin: Freudige und ſchmerzliche Schickſale haben ſie betroffen, ſeit 1834, ihrem Stiftungsjahr; doch hat ſie alle Schwie⸗ rigkeiten des erſten Anfangs glücklich überwunden, durch mancherlei Kämpfe an Feſtigkeit und Selb⸗