Aufsatz 
Geschichte des Progymnasiums und der Realschule zu Michelstadt während der ersten 50 Jahre ihres Bestehens von 1834-1884
Entstehung
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Die Realſchule iſt als eine höhere Bürgerſchule mit vorzüglich realer Richtung zu organiſieren und paßt ſomit nicht nur für die, welche zu ihrem künftigen Berufe eine beſondere techniſche Wiſſen⸗ ſchaftlichkeit bedürfen und ſie deshalb als Vorſchule frequentieren wollen, ſondern auch für jene, die, ohne eine höhere Gewerbſchule beſuchen zu können, dennoch die wiſſenſchaftliche Ausbildung wüunſchen, welche ſie fähig macht, gewöhnliche Geſchäfte zeitgemäß zu erlernen. Die höhere Gewerbſchule hingegen, die ſich einer nach den oben dargeſtellten Anſichten organiſierten Realſchule als höherer Curſus an⸗ ſchließt, hat allen denjenigen, die eine Reallehranſtalt durchgemacht haben, und ein Gewerbe auf einer höheren Stufe oder in einem größeren Umfange zu betreiben ſich berufen fühlen, die erforderliche wiſſen⸗ ſchaftlich⸗techniſche Bildung zu geben. Zugleich muß ſie das höchſte Ziel der Entwicklung des Bürger⸗ tums, geiſtige Hebung und Veredlung, mit conſequenter Sorgfalt erſtreben und daher die in der Real⸗ ſchule erteilte religiöſe und ſittliche Bildung in höherem Sinne fortſetzen. Realſchule und höhere Ge⸗ werbſchule bilden alſo dieſen Grundſätzen zufolge ein vollſtändiges Ganze, können aber, unbeſchadet ihrer Zwecke, in der Art getrennt beſtehen, daß etwa, ähnlich der Ordnung des gelehrten Schulweſens, die Realſchule als Gymnaſium, die höhere Gewerbſchule aber als ein Hauptbeſtandteil der Univerſität für die gewerbtreibenden Klaſſen anzuſehen wäre.

Nach dieſem neuen Lehrplan zerfiel nunmehr die Anſtalt in 3 getrennte Klaſſen, wovon die dritte als Vorbereitungsklaſſe angeſehen wurde. Die Aufnahme in die Anſtalt erfolgte nach zurückge⸗ legtem 10. Jahre. Ein kurzer Hinblick auf den ſpeciellen neuen Lehrplan zeigt, daß dem veränderten Charakter der Schule genügend Rechnung getragen war. Der Religionsunterricht iſt mit mehr Stunden bedacht und erſtreckt ſich auf den lutheriſchen Katechismus, bibliſche Geſchichte, Religionslehre und Religionsgeſchichte. Das Kirchenlied wird eingeübt, der Beſuch des Gottesdienſtes von der Schule über wacht und überhaupt der Religion die ihr gebührende Stelle als wichtigſter Unterrichtsgegenſtand ange⸗ wieſen. In der Beziehung ſpricht ſich das Programm entſchieden aus:Nicht genug Sorgfalt kann i der That der religiöſen Erziehung gewidmet werden; denn nur da kann die Ausbildung, welche die techniſchen Unterrichtsanſtalten gewähren, zur Wohlfahrt des Volkes dienen, wo Redlichkeit im Verkehr, und die Tugenden der Enthaltſamkeit, der Sparſamkeit und Arbeitſamkeit einheimiſch ſind, für die es aber keine beſſere Garantie gibt, als eben die religiöſe Bildung. Noch etwas an den Unterricht in der Moral erinnert der Lehrſtoff der erſten Klaſſe, nach welchem auch chriſtliche Reden vorgeleſen, erklärt, und mündlich und ſchriftlich von den Schülern benutzt werden ſollen. Ein beſonderer Religionsunterricht für Katholiken und Israeliten findet noch nicht in der Schule ſtatt. Der mathematiſche Unterricht iſt richtiger gegliedert, die angewandte Mathematik als beſonderer Unterrichtsgegenſtand iſt weggelaſſen. In der unteren Klaſſe wurden in 5 Stunden wöchentlich die Arithmetik und die Anfangsgründe der Geometrie gelehrt. In der mittleren Klaſſe wurde die Algebra begonnen, die Arithmetik unter Anwendung auf das Geſchäftsrechnen fortgeſetzt, und die Geometrie vollendet. In der oberen Klaſſe wurde die Algebra bis incl. die quadratiſchen Gleichungen, die Logarithmen, Zins⸗Zins⸗ und Rentenrechnung durchgenommen, die Arbitragerechnung und Berechnung der Staatspapiere zugefügt und die Elemente der Stereometrie behandelt. Die Projectionslehre, die im urſprünglichen Lehrplan vorgeſehen war, iſt weggeblieben. Uber die Methode der Mathematik wird bemerkt, daß der Schüler durch das Löſen von Aufgaben lernen ſolle, die erkannten Sätze anzuwenden und dadurch, indem ſein Wiſſen durch Anwendung und Gebrauch Leben erhalte, vom Bewußtſein ſeiner Kräfte und von Liebe zur Wiſſenſchaft erfüllt werde, und ermutigt von dem Erfolg ſeiner Anſtrengungen, mit Eifer ſich zu beſtreben, ſeine Kenntniſſe darin zu erweitern. Hierbei iſt namentlich auf die Wichtigkeit der geometriſchen Conſtructionen hingewieſen, durch welche bei der Entwicklung des jugendlichen Geiſtes gerade diejenigen Lücken ausgefüllt werden, die ſelbſt der vor⸗ züglichſte philologiſche Unterricht noch übrig laſſe. Der Unterricht in der Naturgeſchichte iſt auf 3. und 2. Klaſſe beſchränkt, aber nur Zoologie und Botanik vorgeſehen. Mineralogie fehlt gänzlich, dagegen iſt Pflanzenproduktenkunde in Klaſſe 2 in den Unterricht aufgenommen. Die Phyſik beginnt erſt in der 2. Klaſſe, die Chemie erſt in der 1. Klaſſe. Die letztere erſtreckt ſich auf die Chemie der einfachen Stoffe, auf chemiſche Verwandtſchaft und chemiſche Proportionslehre. Hierbei ſolle die nützliche An⸗ wendung der phyſikaliſchen und chemiſchen Lehren in der Technik vielfach zur Sprache und Erläuterung kommen. Der Unterricht in der deutſchen Sprache iſt zwar mit einer bedeutenden Stundenzahl bedacht, dennoch iſt Litteraturgeſchichte nicht vorgeſehen. Wort⸗ und Satzlehre, Stilübungen und Declamation, Anleitung zum ſchriftlichen und mündlichen Gedankenausdruck und Vorträge unter Benützung der Arbeiten