das hieſige Progymnaſium vorbereitete, wirklich ſo beſchaffen war, wie Curtmann in einem mit Heſſig und Böhler ausgearbeiteten Lehrplan behauptet, ſo erklärt ſich die geringe Rückſichtsnahme für dieſen Lehrgegenſtand von ſelbſt. Nachdem er nämlich über die Behandlung dieſes Unterrichtsgegenſtandes im Progymnaſium geſprochen hatte, begründet er dieſelbe folgendermaßen:
„Dieſe Verfahrungsart iſt um ſo notwendiger, da viele unſerer Schüler dieſen Unterricht nicht fortſetzen werden, andre aber in ſolche Schulen kommen, wo ſeit Jahrzehnten der franzöſiſche Unterricht eine verderbliche Poſſe geweſen iſt. Wem alſo hier(im hieſigen Progymnaſium) kein Geſchmack an der Sache beigebracht wird, der wird ihn nie erhalten und die wenigen Bruchſtücke in den erſten Jahren der Freiheit ganz vergeſſen.“
Es mußte ferner ſehr nachteilig werden, daß die Schüler in jedem Lehrgegenſtande in andere Abteilungen gebracht waren. Hierdurch kamen ſehr ungleich entwickelte Schüler zuſammen, was ein gleich⸗ mäßiges Fortſchreiten verhinderte. Der Mangel eines geregelten Turnunterrichts mußte gleichfalls für die Pflege der Geſundheit, ſowie als disciplinäres Erziehungsmittel zur Erweckung der Pünktlichkeit und Gewandtheit nachteilig empfunden werden. Wenn, nach unſerem Urteil, ſchon der Hauptzweck der Anſtalt nur teilweiſe erreicht werden konnte, ſo war dies noch mehr der Fall bei dem Nebenzwecke, nämlich der Vor⸗ bildung für den bürgerlichen Beruf und der Entwicklung der allgemeinen Menſchenbildung, zumal Handel und Induſtrie ſich hoben, die großartigſten Erfindungen und die überraſchendſten Fortſchritte, namentlich auf dem Gebiete der Naturwiſſenſchaften, an die Vorbildung der Jugend ganz andere Forderungen ſtellten. Be⸗ ſonders forderten die Naturwiſſenſchaften und die denſelben als Leuchte dienende Mathematik eine tiefere Begründung im Schulunterricht; der geſteigerte Verkehr ließ hiſtoriſche und geographiſche Kenntniſſe, be⸗ ſonders aber umfaſſendere und tiefere Kenntnis der neueren Sprachen, beſonders der franzöſiſchen und engliſchen Sprache, als durchaus notwendig erſcheinen. Dieſe Mängel mußten nach und nach immer fühl⸗ barer werden, ſeit durch Gründung des Zollvereins die hemmenden Schranken für Handel und Verkehr gefallen waren und bereits das Dampfroß ſeinen Einzug in die deutſchen Gaue gehalten hatte. Eine geringere Teilnahme des Publikums für das Progymnaſium trat ein, ſo daß dasſelbe ſchon 1830 von nur 17 Schülern beſucht wurde und die Zahl der Lehrer beſchränkt werden mußte. Es mehrten ſich die Stimmen, welche auf Umwandlung des Progymnaſiums in eine Realſchule drangen, und Se. Erl. der Graf von Erbach⸗Fürſtenau, welcher in ſeinem erleuchteten Sinne ſchon bei der Gründung des Progym⸗ naſiums die dereinſtige Umgeſtaltung desſelben in eine Realſchule im Auge hatte, that nun auch die erforderlichen Schritte bei hoher Staatsregierung, um dieſe neue Anſtalt ins Leben zu rufen. Derſelbe legte die Beurteilung des proviſoriſch feſtgeſtellten Lehrplans für die zu gründende Realſchule dem früheren Leiter des Progymnaſiums Curtmann vor. Dieſer weiſt in einem Schreiben an den Grafen zu Erbach⸗Fürſtenau auf die Eröffnung der Realſchule zu Offenbach hin und ſagt, daß man dort den Unterricht in den alten Sprachen nicht zum Hauptunterricht in der Realſchule zu erheben gewagt habe. Es ſcheine ihm der Unterricht in dieſen Disciplinen erſt dann allgemein bildend zu wirken, wenn er bis zu einem gewiſſen Grad von Ausdehnung und Selbſtändigkeit gebracht werde. Man habe bei der Auf⸗ ſtellung des vorliegenden Planes beſonders an diejenigen gedacht, die nach der Confirmation in ein Gymnaſium übergehen wollten. Deren würden es aber nur wenige ſein. Bei dem franzöſiſchen Unter⸗ richt hätten ſie dort(Offenbach) mehr auf ſchriftliche Ubungen, als auf bloße Sprechfertigkeit geſehen. Der deutſchen Sprache hätten ſie mehr Raum gegönnt, ſelbſt für das Leſen noch eine Stunde angeſetzt. Ein guter Styl fordere viele ſchriftliche Ubungen. Maſchinenlehre könne bei Schülern von 15—16 Jahren kaum erwartet werden, der mechaniſche Betrieb gehöre in die Werkſtätte. Von einem Unterricht in den Landesgeſetzen könne er ſich nur bei ſehr gereiften Schülern Vorteil verſprechen.
Ehe wir jedoch die Geſchichte des Progymnaſiums beſchließen und zu derjenigen der Real⸗ ſchule übergehen, iſt es uns eine heilige Pflicht, der ſegensreichen Wirkſamkeit desſelben für die hieſige Stadt und Gegend zu gedenken und den Stiftern und Leitern desſelben den wohlverdienten Kranz der Dankbarkeit und Verehrung zu reichen. Sie haben über ein Jahrzehnt das höhere Bildungsbe⸗ dürfnis der hieſigen Gegend befriedigt und eine Reihe von tüchtigen Männern, die zum Teil jetzt noch mit Auszeichnung ihrem Berufe vorſtehen, unterrichtet und erzogen. Die Mängel, auf welche wir vorhin hinwieſen, ſind keineswegs auf ihre Rechnung zu ſchreiben. Teils waren dieſelben in einer noch weniger bewegten Zeit nicht allzu fühlbar, teils konnten ſie auch mit dem beſten Willen aus Mangel an Mitteln und Lehrkräften nicht beſeitigt werden. Ja die Mängel ſelbſt, z. B. die Beſchränkung auf ein einziges


