Aufsatz 
Über die Notwendigkeit und Möglichkeit der Errichtung eines neuen Gebäudes für das Gymnasium und die Realschule zu Worms
Entstehung
Einzelbild herunterladen

56

ſteht, daß überall die ſchlechte Luft der geſchloſſenen Räume der Geſundheit äußerſt nach⸗ theilig iſt, ſo muß dies auch von der Luft der Schulzimmer gelten, und zwar einerſeits in geringerem Maße, inſofern Lehrer und Schüler kürzere Zeit in der ſchlechten Luft verweilen, andrerſeits in höherem Maße, inſofern die Schüler zum größten Theile in einem Lebensalter ſtehen, das eine geringe Widerſtandskraft beſitzt, und für ſchädliche Einflüſſe empfänglicher iſt, als in ſpäteren Jahren. Man kann daher mit Recht be⸗ haupten, daß die Schulen geradezu die Brutſtätten von Krankheiten aller Art ſind, und daß der andauernde Aufenthalt in der verderbten Luft der Schulzimmer nicht nur eine beſondere Empfänglichkeit für jene Kinderkrankheiten bewirkt, denen ſoviel Kinder erliegen, ſondern auch die geſunde, kräftige Entwickelung der Jugend neſentlich beeinträchtigt. Wer an dem fortgeſetzt dauernden nachtheiligen Einfluß des Schulunterrichts auf die Geſundheit der Schüler zweifeln wollte, den laden wir ein, irgend eine Klaſſe vor Beginn der Ferien und dann wieder beim Beginn des Unterrichts zu beſuchen. Er wird dort bleiche, abgemattete Geſichter finden, während ihm hier aus luftgebräuntem, blutgeröthetem Antlitz ein lebensfriſches, lernbegieriges Auge entgegenblitzt.Luſt und Fähigkeit zum Lernen werden durch das leibliche Wohlbefinden bedingt.Schüler, welche auf dem Lande im reichen Genuß der friſchen Luft aufgewachſen und erſt ſpäter zur Schule kommen, zeigen in der Regel eine ſtetige Geiſtesentwickelung; was ſie lernen, haftet in treuem Gedächtniß für's ganze Leben. Wer wollte nun leugnen, daß reichlicher Genuß geſunder, friſcher Luft auch unſren Schülern in der Schule zu gönnen iſt, daß wir auch den Schülern unſrer Anſtalt dieſes Lebenselement unverkürzt und unverdorben zuzuführen verpflichtet ſind?

Nun haben aber unſre Zimmer a, f, g, h, i, r, s, 1 für die in denſelben ein⸗ gepferchten Klaſſen nicht den erforderlichen Cubikinhalt Luft, welcher nach den neueren Anforderungen beanſprucht werden muß. Der angedeutete Mißſtand kann beſeitigt werden, wenn nach den obigen Ausführungen(S. 54) ſtatt der bezeichneten kleineren Räume größere hergeſtellt werden durch Entfernung der jetzigen Scheidewände und Verlegung der Zimmer zwiſchen die Südwand und die nördlich herzuſtellenden Corridore.

Aber auch denjenigen Klaſſen, welche in größeren Räumen untergebracht ſind, oder nach einem Umbau in ſolchen untergebracht würden, müßte während der Schulzeit fort⸗ während friſche Luft durch gute Ventilation zugeführt werden. Die beſte Ventilation beſteht bekanntlich im Oeffnen der Fenſter. Herr Oberſchulrath Becker ſchlägt vor: Man ſollte auch während des Unterrichts ſoviel als immer möglich, die Fenſter offen halten. Freilich darf das Schulzimmer nicht auf eine durch lebhaften Verkehr geräuſch⸗ volle Straße gehen. In einer Anmerkung zu dieſer Stelle wird der alten Sexta des Darmſtädter Gymnaſiums gedacht:Die Fenſter der ſechſten Klaſſe können in der Regel nicht geöffnet werden, weil der Straßenlärm die Stimme auch des kräftigſten Lehrers überwältigt. In dieſem Zimmer kommen 234 Kubikfuß Luft auf den Schüler, und dazu geſchloſſene Fenſter, die Vorhänge ſämmtlich heruntergelaſſen, weil die Blendung von dem