Aufsatz 
Über die nächsten Aufgaben des Gymnasiums und der Realschule zu Worms, nebst einem Anhange: Die Bedeutung und Stellung der Vorschule
Entstehung
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Die vorliegende Arbeit hat bereits einen Umfang gewonnen, der mich nöthigt, bezüglich unſrer Gymnaſialangelegenheiten kurz zu ſein. Es kann dies um ſo eher geſchehen, als der voran⸗ gehende Theil dieſer Arbeit bei der Behandlung der finanziellen Cardinalfragen unſerer Doppellehr⸗ anſtalt immer auch das Gymnaſium im Auge hatte.

Bezüglich der didaktiſchen Aufgaben unſres Gymnaſiums iſt mit wenigen Worten zu ſagen, daß in demſelben gemäß der allgemeinen Entwickelung des deutſchen Gymnaſialweſens Organiſation, Penſa, Unterrichtsziele der einzelnen Klaſſen in den weſentlichſten Beſtimmungen ſchon längſt typiſch ge⸗ worden ſein könnten, und daß, weil dies nicht geſchehen iſt, jetzt die natürliche Nöthigung an uns herantritt, die Anſtalt faſt in allen Theilen zu reorganiſiren. Dies iſt eine Aufgabe ſtiller und an⸗ ſpruchsloſer innerer Geſtaltung. Das Gymnaſium ſoll bei ſolchen Beſtrebungen keine philologiſche Fachſchule, ſondern eine allgemeine Bildungsſchule in des Wortes wahrſter Be⸗ deutung ſein; und wenn wir auch dieſe Art der Gymnaſialbildung keinem Unwürdigen aufzwingen wollen, ſo hoffen wir ihr doch auch in unſrer Stadt die alten Freunde zu bewahren und vielleicht ſogar neue zu erwerben. Ich ſehe in ernſter Erfüllung meiner übernommenen Verpflichtungen neben der Realſchule das Gymnaſium als ein köſtliches Kleinod der Stadt Worms an, welches erhalten, gepflegt und geehrt zu werden verdient. Möge man mein Intereſſe für das Gymnaſium nicht nach dem Umfang des demſelben hier vergönnten Raumes beurtheilen. Was haben wir dem⸗ nächſt für das Gymnaſium zu thun? Vor Allem muß der Lehrplan desſelben vervoll⸗ ſtändigt werden. Die Penſa der verſchiedenen Unterrichtsſtufen müſſen höher gegriffen und ge⸗ nau feſtgeſtellt werden. Gute Lehr⸗ und Uebungsbücher ſollen eingeführt werden. Bis zu meinem Dienſtantritt waren z. B. in Quarta und Tertia wöchentlich nur je drei Stunden für den griechiſchen Unterricht vorgeſehen. Dies hatte ſo ſchlimme Folgen, als wenn man das Griechiſche ein Jahr ſpäter, in der Tertia, mit ſechs wöchentlichen Stunden in Angriff genommen hätte. Auch in ſonſtigen Beziehungen iſt der Lehrplan des Gymnaſiums der Ergänzung bedürftig. Für das Deutſche, für die Mathematik, die Naturwiſſenſchaften und das Hebräiſche iſt noch nicht die ge⸗ nügende Zahl der Stunden angeſetzt. Es wird unſre Aufgabe ſein, von den unterſten Klaſſen des Gymnaſiums an den eigentlichen Gymnaſiallehrgegenſtänden von vornherein die wünſchenswerthe Zahl der Lehrſtunden, ſowie praktiſche und raſch zum Ziel führende Lehr⸗ und Uebungsbücher zuzuweiſen. So wird es uns möglich werden, in den mittleren und oberen Gymnaſialklaſſen auch die Mathematik und das Franzöſiſche und in den oberen Klaſſen Phyſik, Chemie und das Engliſche (facultativ) ſo ernſt zu betreiben, daß das Gymnaſium in den Fächern, welche man ſo gern als ſpeciſiſch realiſtiſche darzuſtellen ſucht, der Realſchule nicht weſentlich nachſtehen wird. Dabei wird die Kenntniß der alten Sprachen, abgeſehen von ihrer unmittelbaren Bedeutung, zugleich ein tieferes Eindringen in die Geſchichte und in den Inhalt der deutſchen Literatur vermitteln, welche in ihren Beziehungen zum Alterthum begriffen werden muß. Wenn wir die Aufgabe des Gymnaſiums in dieſem Sinne begreifen, ſo iſt dasſelbe eine wahrhaft allg emeine Bildungsſchule.

Spricht ſchon dieſe wahre Allgemeinheit ächter Gymnaſialbildung für die Zweck⸗ mäßigkeit des hieſigen Gymnaſiums, ſo wird dasſelbe nicht unerheblich durch den Umſtand empfohlen, daß ſeine Klaſſen wohl immer etwas kleiner ſein werden, als diejenigen der Realſchule. Kleinere Klaſſen ermöglichen, wenn ſonſt alles Erforderliche vorhanden iſt, beſſere Durchbildung ihrer Schüler. Ich gehöre nicht zu denjenigen, welche die Blüthe einer Lehranſtalt oder einer Klaſſe in der Schülerzahl ſehen. Sollten aber Eltern, welche ihren Kindern eine möglichſt vielſeitige und