Aufsatz 
Über die nächsten Aufgaben des Gymnasiums und der Realschule zu Worms, nebst einem Anhange: Die Bedeutung und Stellung der Vorschule
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Wer ſollte endlich daran zweifeln, daß in den ſocialen Bewegungen unſerer Zeit immer und immer wieder darauf hingewieſen werden muß, daß allein die Bildung frei und ſtark macht, und daß insbeſondere künſt leriſche Bildung dem unbe⸗ mittelteren Induſtriellen in der Coneurrenz mit dem Capital einen von dieſem nicht zu erſetzenden Werth verleiht?

3. Die ſiebenjährige Realſchule als Vorbereitungsanſtalt für die polytechniſche Schule.

Man wende uns nicht ein, daß die Wormſer Realſchule bis jetzt wenige Schüler auf das Polytechnikum, dagegen vielleicht die meiſten in die Kaufläden und Comptoirs entlaſſen habe, und daß deshalb kaum zu erwarten ſei, daß der hier befürwortete Anſchluß unſrer Schule an das Polytechnikum in Zukunft andere Reſultate herbeiführen werde. Wenn nur der Unterricht einer Anſtalt von angemeſſener Dauer und Tiefe iſt und ein unyviderſtehliches Verlangen nach höherer Geiſtesbildung, nach gründlicher Betreibung der exacten, hiſtoriſchen oder philoſophiſchen Wiſſenſchaften im Geiſte des Jünglings zu begründen verſteht, ſo bewährt eben auch die Realſchule heutigen Tags den Be⸗ ſtrebungen des nackten, materialiſtiſchen Realismus gegenüber den ihr weſentlich zukommenden Adel einer den Zeitgeiſt veredelnden Macht, auf der die beſſere Hoffnung unſrer Zukunft ruht. Solche höhere Neigungen haben gerade wir Reallehrer in der uns anvertrauten Jugend zu wecken und zu er⸗ ziehen; und an den Früchten wird man unſren Werth erkennen. Das Polytechnikum zu Darmſtadt hat in dem zwiſchen Neujahr und Oſtern l. J. vorläufig veröffentlichtenErſten Abſchnitte ſeines Programms für das Studienjahr 1873/74, wie er nach dem Entwurfe des Lehrerraths der polytechniſchen Schule feſtgeſtellt worden iſt, in§ 2 mitgetheilt, daß es den unteren ſeiner ſeitherigen ſog. allgemeinen Curſe mit Schluß des Schuljahres 1872/73 aufheben werde, und in§ 13 des be⸗ zeichneten Programms wird geſagt, daß die ſeither bei dieſer Anſtalt angeordnete Maturitäts⸗ prüfung, welche den Abſchluß der früheren allgemeinen Schule bildete, im Jahre 1874(Herbſt) zum letzten Male werde veranſtaltet werden. Im Zuſammenhang mit dieſer Erklärung ſah ſich ſchon gegen Weihnachten 1872 der gegenwärtige Director der polytechniſchen Schule, Herr Profeſſor Sonne, veranlaßt, perſönlich bei etlichen Realſchulen des Landes Nachfrage zu halten, ob bei den⸗ ſelben das entſchiedene Beſtreben vorhanden ſei, ihren Organismus mindeſtens zu einem ſieben⸗ jährigen, an das Polytechnikum ſich unmittelbar anſchließenden zu machen. Diejenige Realſchule, welche es nun unterließe, ihren Curſus ſiebenjährig zu machen, vermöchte offenbar ſchon demnächſt ihre Schüler ebenſowenig in die polytechniſche Schule zu Darmſtadt, wie in eine Gewerbeakademie übergehen zu laſſen, ſondern müßte ſolche Schüler erſt an die Prima einer vollſtändigen Realſchule abgeben, würde alſo zu einer Unter⸗Realſchule herabſinken. Auswärtige Eltern, welche ihren Söhnen eine vollſtändige Realſchulbildung geben laſſen wollen, würden es dann vorziehen, dieſelben von vornherein einer vollſtändigen Realſchule zu übergeben und die unvollſtändige Schule zu meiden. Eine voll⸗ ſtändige Realſchule würde nun aber darauf iſt beſonderes Gewicht zu legen in ähnlicher Weiſe wie das Gymnaſium gar manchem ſeiner Schüler einen ſeinen beſonderen Gaben entſprechenden Lebensberuf eröffnen. Gar viele Schüler unvollſtändiger(ſechsjähriger) Realſchulen wiſſen keinen andren Beruf, als denjenigen eines Kaufmanns zu ergreifen. Dieſe Wahl verſchafft dem Ver⸗ mögenden und auch manchen Andren einſt eine erwünſchte Stellung im Leben. Wie viele aber, die

3