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In dem zu Oſtern 1870 erſchienenen Programm der Realſchule zu Alzey(„das Zeichnen in der Realſchulc nach ſeiner Bedeutung für allgemeine Bildung und techniſche Fachbildung“) hat der damalige Zeichenlehrer dieſer Anſtalt, CLarl Walloth, gegenvärtig kaiſerlicher Baumeiſter in Saargemünd, nachgewieſen, welche Wichtigkeit die Realſchulen für das induſtrielle Leben unſres Vaterlandes gewinnen können, wenn ſie dem Zeichnen die rechte Förderung angedeihen laſſen. Man wende uns nicht ein, daß eine bedeutendere Pflege des Zeichenunterrichts zu Gunſten der Kunſt⸗ induſtrie die Realſchule zu einer Fachſchule mache, nicht erweiternd und vertiefend auf den jugend⸗ lichen Geiſt einwirke oder gar die Realſchule ihres humaniſtiſchen Charakters entkleiden müſſe! Denn die einem edleren Stile dienende Kunſtinduſtrie und der ächte Zeichenunterricht der Gegenwart haben, im Gegenſatze zu den materialiſtiſchen Tendenzen des modernen Luxus, ohne Zweifel die gemeinſame Aufgabe, ſich auf die ächt künſtleriſchen Leiſtungen der Vergangenheit zu ſtützen und durch die Ge⸗ ſchichte der Kunſt im Bereiche des Schönſten und Edelſten, was die Phantaſie erdacht, ſich zu orientiren; geradeſo wie das philoſophiſche Streben nach der Wahrheit, welches wieder unter uns aufleben muß, damit die Menſchheit geneſe und ſich verjünge, aus den Ideen der Vergangenheit in verjüngter Schönheit hervortreten wird. Betrachtet die Realſchule die Kunſt, das Zeichnen, die Kunſtinduſtrie in dieſem Sinne, ſo zeigt es ſich, wie man durch Förderung des Zeichenunterrichts dem praktiſchen Bedürfniſſe in einer Weiſe dienen kann, welche den humaniſtiſchen Charakter der Realſchule ebenſo entſchieden ſichert, wie ſie das Leben verklärt.
In der oben erwähnten Schulſchrift erinnert Walloth daran, wie auf den höheren Ge⸗ bieten der bildenden Künſte dem deutſchen Volke in Schinkel, Co rnelius und dem deutſch fühlenden Thorwaldſen ein Dreigeſtirn erſtanden iſt, deſſen Glanz die neu angebrochene, auf die Antike baſirte Kulturperiode dauernd erleuchten werde; die Antike durch⸗ ſtröme wieder auf allen Gebieten der Künſte unſre Bildung.„Wir ſind in raſchem Vorwärtsſchreiten begriffen.“„Nur auf dem Gebiete der ſogenannten Kleinkünſte, oder wie die Bezeichnung
„Kunſtinduſtrie“ nach den thatſächlichen Verhältniſſen richtiger erjheint blieben die Deutſchen andren Nationen gegenüber zurück. Frankreich hatte ſeit Jahrhunderten den Markt in dieſer Branche beherrſcht; es hatte das ausſchließliche Privileg, die Launen ſeiner Mode, welche heute lächerlich, morgen aumuthig iſt, allen Nationen aufzuoctrviren. Man fühlte in gewiſſen Kreiſen zwar das Un⸗ würdige dieſer Abhängigkeit, und es mag auch dieſes Geſühl die erſte Induſtrie⸗Ausſtellung, welche, wir dürfen es mit patriotiſchem Stolze ſagen, von einem Mainzer Fabrikanten veranlaßt wurde, hervorgerufen haben, allein die Ausdehnung derſelben war zu beſchränkt, als daß ſie einen allgemeinen Umſchwung der Anſchauungen und damit ein durchgreifendes Reſultat hätte erzielen können. Erſt mit dem Entſtehen der internationalen Induſtrieausſtellungen ward die Nothwenigkeit einer Re⸗ generation allgemein erkannt. Die Deutſchen waren aber leider die letzten, welche in dieſem Sinne energiſche Schritte thaten. Auffallend ſind die Veränderungen in einem verhältnißmäßig ſo kurzen Zeitraum. Auf der Londoner Ausſtellung vom Jahr 185t ſetzte ſo zu ſagen nur Frankreich ſeine Induſtrieproducte ab, und bereits auf der Pariſer Ausſtellung vom Jahre 1866 machte England ihm eine empfindliche Concurrenz, ja in einzelnen Artikeln hatte es Frankreich ſogar überholt. Und dieſe Reſultate ſind nicht etwa durch den Reiz der Neuheit oder andere Umſtände mehr zufälliger Natur veranlaßt, ſondern ſie ſind die Früchte eines mit ſeltener Energie von den Engländern be⸗ triebenen und in Schulen und Muſeen dem größeren Publikum erſchloſſenen Studiums. Die Summen und Kräfte, welche in dieſer Beziehung verwendet wurden, haben ſich bereits nach


