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Wenn nun aber in einer Realſchule eine bedeutende Maſſe von encyclopädiſchen Kenntniſſen in wenigen Jahren angeeignet werden ſoll, ſo ſtellen ſich die wohlbekannten Mißſtände ein. Derjenige Proceß des Lernens, welcher den Geiſt nicht mißhandelt, beſteht in einer freien, ſtetigen, ruhigen Aufmerkſamkeit ſür die anzueignenden Gegenſtände des Unterrichtes, in einer faſt behaglichen und lebhaften Aufgelegtheit für die Gegenſtände des menſchlichen Wiſſens. Wenn nun aber irgendwo die Prima der Realſchule nicht exiſtirt, auch nicht für dieſelbe vorbereitet wird, ſo liegt die Gefahr gar zu nahe, daß die Secunda, d. i. die oberſte Claſſe einer 6⸗jährigen Realſchule, bei der Behandlung gewiſſer Lehrgegenſtände faſt wie eine Prima angeſehen und daß davon auch der Charakter der unteren Claſſen berührt wird. Treibhausartig wird in dieſem Falle die Bildung einer Schule ſein. An die Stelle der ruhigen, ſicheren und leichten Aufmerkſamkeit, Denkthätigkeit und Strebſamkeit des Schülers tritt im beſten Falle ein Geiſteszuſtand reizvoller Erregtheit; damit tritt aber zugleich ein ſtetes Begehren nach Neuem in einer Zeit ein, in welcher das Frühere noch nicht angeeignet, nicht verarbeitet iſt. Dieſes lüſterne Begehren, das Haſchen nach neuen Reizmitteln für die Aufmerkſamkeit iſt ohne Zweifel höchſt gefährlich. Denn es leitet den Lernenden an, bei der gegebenen Sache nicht zu bleiben und Nichts recht zu verarbeiten. Die ſtetige, ruhige Aufmerkſamkeit gehört dem jeweiligen Unterrichtsgegenſtande ganz und rückhaltslos an, und ſie hat Genuß an dem augenblicklich Dargebotenen, und mit dieſer Luſt an der Sache bildet ſich der Trieb, ihr weiter nachzugehen, und dieſer Trieb iſt eine unerläßliche Voraus⸗ ſetzung für den Willen und die That. Die wechſelnde Neigung aber, welche im Uebermaß der Lehr⸗ objecte ihren Grund hat, die abſpringende, ſich nicht concentrirende Aufmerkſamkeit, das haſtige Begehren deſſen, was die Zukunft bieten ſollte, vermag zu keiner befriedigenden Luſt, keinem dauernden Triebe, keinem Willen im Lernen zu gelangen, vermag den Charakter nicht zu ſtärken. Je weniger demnach ein Schulweſen darauf angelegt iſt, das Zukünftige zu anticipiren, je größeres Behagen ſie an der nicht abſchließenden, ſondern nur vorbereitenden Gegenwart hat, von um ſo größerem Einfluſſe iſt ſie auf die Charakterbildung, auf die wirkich ſittliche Natur des Schülers, und gerade dadurch wird die Ausbildung ſeiner Geiſteskräfte und eine wirkſame Aneignung der nothwendigen ppſitiven Kenntniſſe dauernd und wahrhaft geſichert.
Alles dies könnte freilich ſchon dann geſchehen, wenn ſich eine einzelne Schule von dem ſeitherigen Umfange unſerer Anſtalt die den angedeuteten Grundſätzen entſprechenden Geſetze gäbe oder zu geben vermöchte. Allein letzteres iſt kaum möglich, ſo lange nicht das Realſchulweſen unſeres ganzen Landes in ſeinem ſeitherigen Organismus vereinfacht und dann durch eine herzuſtellende Beziehung des⸗ ſelben zur Univerſität erweitert und abgeſchloſſen wird. In dieſem Falle würde eine Anſtalt, welche ihren Lehrplan vereinfachen und die Erziehungsgrundſätze mehr in den Vordergrund ſtellen würde, nicht den Schein erregen, daß ſie dem Rückſchritte huldige oder verwandten Anſtalten nachſtehe. Da die einzelne Anſtalt ſich überdies nur dann nach Erziehungsgrundſätzen wirkſam umgeſtalten kann, wenn dasjenige Material des Unterrichts, welches ſie zeitweiſe zurückweiſt, ſpäter die richtige Stelle im Bereiche des erziehenden Unterrichts irgendwo findet: ſo iſt es klar, daß ſogar die unteren Stufen eines Realſchulorganismus nicht mit ausreichender Sicherheit umgeſtaltet werden können, wenn nicht die leben⸗ dige Praxis eines vollſtändigen und bis an das academiſche Studium reichenden Realſchulweſens gerade in ihrer Totalität und gegliederten Einheit auf die Geſtaltung der Unter⸗ und Mittelklaſſen das rechte Licht wirft. In welche Fehler würde wohl das Gymnaſialweſen verfallen, wenn dem Gym⸗ naſium die Prima, der Kopf ſeines Organismus, fehlen würde? Hängen nicht die bei den jährlichen Verſetzungen und Aufnahmen der Schüler in Anwendung zu bringenden Grundſätze, welche zum großen Theile die Beſchaffenheit einer Anſtalt bedingen, von den Zielen und der Beſchaffenheit der Prima ab, d. i. der Stufe, auf welcher die geiſtige Reife gewonnen werden ſoll? Sollte die Realſchule wohl


