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Die Juden aber waren für die Anregungen, die ſie auf dieſe Weiſe erhielten, ſehr em⸗ pfänglich.
Gemeinhin hat man eine zu geringe Vorſtellung von dem Bildungsgrade der Juden in der vormendelsſohn'ſchen Zeit und wie ein Wunder ſtaunt man es deßhalb an, daß ſie, eben noch Barbaren, bald im Leben und in der Viſſenſchaft ihren chriſtlichen Brüdern ebenbürtig ſich an die Seite ſtellen. Man vergißt, daß Studium, geiſtige Thätigkeit bei den Juden niemals aufge⸗ hört haben. Seine Kinder zu unterrichten oder unterrichten zu laſſen, war bei den Juden immer eine religiöſe Pflicht, der ſich kein Vater entzog. In allen, ſelbſt in den kleinſten jüdiſchen Ge⸗ meinden gab es darum von jeher Schulen für Kinder, und in den größeren Gemeinden fehlte es nicht an Talmudſchulen für die reifere Jugend, an Lehrhäuſern, die allen Wißbegierigen geöffnet waren, und in welchen man eine Bibliothek zu freier Benutzung vorfand. Daher kommt es, daß ſelbſt in den für die Juden ſo ſchrecklichen Zeiten des Mittelalters, während es mächtige Könige und Biſchöfe gab, die des Leſens und Schreibens unkundig waren, und die Geiſtlichen oft das zum Gottesdienſt Erforderliche nicht leſen konnten, es ſelten einen jüdiſchen Knaben gegeben hat, der nicht hätte leſen können, der ſich nicht gewiſſe Abſchnitte aus dem Pentateuch, den Pſalmen, den Propheten zu eigen gemacht hätte ¹). Gelehrſamkeit brachte bei ihnen Ehre und Anſehen, unwiſſend zu ſein und genannt zu werden, galt für ſchimpflich. Freilich war alle Bildung eine einſeitige, ausſchließlich im Judenthum hatte ſie ihren Mittelpunkt ²), aber das Fundament, worauf ſie ruhte, war eben doch kein geringeres als die Bibel und, worauf es hier ankommt: es war durch dieſe Erziehungsweiſe den Juden von jeher ein unvergleichlicher Lerneifer und eine Gewöhnung an geiſtige Thätigkeit anerzogen, die, auf ein anderes Gebiet des Wiſſens hinüber geleitet, nothwendig überraſchende Erfolge herbeiführen mußten.
So ſehen wir denn ſchon ſeit der Mitte des vorigen Jahrhunderts aller Orten in Deutſch⸗ land, zumal in Berlin, unter den Juden Männer von hervorragender Bildung ³). Hier in Frank⸗ furt genoßen u. A. Jacob Süßkind Stern, ferner die jüdiſchen Aerzte Dr. Goldſchmidt“), ein Schüler Kant's und Dr. Seligmann Joſeph Oppenheim) und der Mathematiker Abraham Crailsheim) hohes Anſehen. Der Letztere zählte nicht bloß wißbegierige Offiziere zu ſeinen Schülern, ſondern hielt unter Anderen auch dem Profeſſor am hieſigen Gymnaſium Herling und Carl Ritter privatim Vorleſungen über Mathematik und mathematiſche Geographie. Man fing an, die Knaben in’s Gymnaſium oder in andere chriſtliche Schulen zu ſchicken. Wohlhabende
¹) S. Raumer, Geſchichte der Hohenſtaufen, 3. Aufl., VI., 185 und 330 und Zunz, Zur Geſchichte und Lite⸗ ratur I., 169 und ff. und 177.— Welche Fülle erhabener Gedanken prägte ſich dem Kinde nicht ſchon durch den reichen Inhalt der täglichen Gebete ein!.
²) Vergleiche über Alles die gründliche und ſehr lehrreiche Darſtellung bei Zunz 1. c. 157—213. Den Ver⸗ ächtern des Judenthums, und dazu gehören nur ſolche, die es nicht kennen, empfehle ich unter Anderem die in demſelben Buche S. 122— 157 enthaltene Abhandlung über die jüdiſchen Sittenlehrer im Nittelalter.
³) Es iſt nicht nöthig, Alle aufzuzählen, ich erinnere nur an Marcus Herz, David Friedländer, an die Herausgeber und Mitarbeiter der Zeitſchrift„der Sammler“ und an Lazarus Bendavid.
⁴) Geb. 1761 zu Bayersdorf im Culmbachiſchen, ließ ſich hier 1792 als Arzt nieder, war Arzt am israe⸗ litiſchen Krankenhauſe, übergab 1801 dem hieſigen Senat ſeine Schrift: Allgemeine Ueberſicht der Geſchichte der Kuhpocken, ſtarb 1835.
⁵) Geb. 1766, geſt. 1817. Ueber ihn Näheres in: S. J. Oppenheim. Ein Denkmal der freundlichſten Erinnerung von Karl Wenzel und Salomon Stiebel. Frankf. a. M. 1818.
⁶) Geb. 1759, geſt. 1840. Er iſt der Vater des Stadtphyſikus und Schulrathsmitgliedes Dr. Alexander Crailsheim.


