Schulprüfungen und Beſuchstage. 161
Schulprufungen und Beſuchstage.
Durch d·eſe Anderung erfuhr die Schulordnung vom Jahre 1822, die noch immer für unſere Schule Geltung hatte, eine weſentliche Umgeſtaltung; auch
ſonſt mußten manche ihrer Beſtimmungen den anders gearteten Verhältniſſen zum Opfer fallen.
Die alljährlich ſtattfindende Schulprüfung hatte, wie bereits erwähnt worden iſt?), eine ungewohnliche Ausdehnung, aus der ſchon die Bedeutung, die Lehrer wie Schulrat dieſer Einrichtung beimaßen, erſichtlich iſt. Allmählich verloren die Prüfungen indes ihren eigentlichen Sweck, den Suſammenhang zwiſchen Schule und Elternhaus und das Intereſſe für die Schule in weiten Kreiſen zu fördern; eines verhältnismäßig zahlreichen Beſuchs hatten ſich an unſerer Anſtalt nur noch die Vorführungen im Curnen und die Prüfungen in den unteren Abteilungen zu erfreuen, denen der oberen Klaſſen wurde geringe Beachtung zuteil.
Bei dieſer Sachlage waren andere Hlittel notwendig, um die Verbindung zwiſchen Schule und Haus zu beleben. Man gab die alte, vielen lieb gewordene Einrichtung nicht auf, richtete aber neben den Prüfungen Anfang der achtziger Jahre ſogenannte Beſuchstage, je einen um die Mitte des Vierteljahres, ein. Die Eltern erſchienen an dieſen Tagen in der Schule, ſahen die Lehrer und Lehrerinnen in ihrer Tätigkeit, hörten wohl auch etwas von dem Lehrverfahren und traten mit den Lehrern ihrer Kinder in direkten Verkehr. Sreilich hatten dieſe Beſuchstage auch vielfache Unzuträglichkeiten im Gefolge, die ſchließlich die vorteile überwogen und das Eingehen dieſer Einrichtung veranlaßten. Auch die Schulprüfungen fanden im Jahre 1893 ihr Ende. Die Unterrichtsbehörde hatte eine Umfrage ergehen laſſen, ob und welcher Sweck ihnen für die Gegenwart noch innewohne; das Lehrerkollegium unſerer Schule gab ſeine Meinung dahin ab, daß ſie für die Vorſchulen und unteren Klaſſen erforderlich ſeien, um hier den Verkehr mit dem Hauſe aufrecht zu halten, für die oberen Klaſſen hätten ſie ihren eigentlichen Wert längſt eingebüßt. Der Schulrat erklärte ſich überhaupt gegen die Beibehaltung der Prüfungen, die kein Bild der Leiſtungen der Schule gäben und durch die Aufregung, in die die Kinder verſetzt werden, geſundheits⸗ ſchädlich wirkten. Auf Grund der Ergebniſſe der Umfrage geſtattete das Miniſterium die Abſchaffung der Prüfungen an allen Anſtalten, an denen die Patronate ihre Beibehaltung nicht ausdrücklich wünſchten, und damit hörten ſie auch an unſerer Schule auf. Die Verbindung zwiſchen Schule und Elternhaus iſt durch Wegfall der Prüfungen und Beſuchstage keineswegs vermindert worden; die nächſten Jahre brachten neue Einrichtungen, die ein verſtändnisvolles Suſammen⸗ wirken der Eltern mit der Schule am Erziehungswerk ermöglicht haben. Ins⸗ beſondere hat die Einrichtung eines Sprechzimmers in der Schule, in dem jeder Lehrer und jede Lehrerin wöchentlich zu beſtimmter Seit anzutreffen iſt, den Verkehr zwiſchen Eltern und Lehrern erfreulich rege geſtaltet.
*) Siehe Seite 89. 11


