Aufsatz 
Geschichte der Realschule der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) zu Frankfurt am Main 1804-1904. Von Direktor a.D. Dr. Hermann Baerwald und Dir. Salo Adler
Entstehung
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140 Der Unterricht im Geſang.

zeitgemäße Umgeſtaltung erfahren; der heute giltige Lehrplan will den Schüler im Geſange zur Selbſtändigkeit, d. h. ſoweit bringen, daß er ein mittelſchweres Lied unter Beachtung einer guten Cextausſprache und ſchönen Tongebung mög⸗ lichſt vom Blatt ſingen kann. Um dieſen Zweck zu erreichen, iſt der theoretiſche Teil des Geſangunterrichtes in eine ſtrengere methodiſche Stufenfolge und einen engeren Huſammenhang mit dem Lied gebracht worden. Bei der Auswahl der Lieder, beſonders für die beiden unteren Klaſſen der Real⸗ und Mädchenſchule, wird nunmehr darauf Rückſicht genommen, daß deren melodiſche und rhythmiſche Ausgeſtaltung den vorausgegangenen Übungen entſpricht. Die in den Geſang⸗ ſtunden erworbene Selbſtändigkeit befähigt die Söglinge, im 3— 4 ſtimmigen Chor, der ſich aus Knaben und Mädchen der Klaſſen l bis V zuſammenſetzt, mitzu⸗ wirken. Im Chorgeſang wie in den oberen Mädchenklaſſen werden neben der Pflege des Volksliedes auch künſtleriſch wertvolle Kompoſitionen alter und moderner Meiſter eingeübt, um den Geſchmack noch mehr zu läutern und das jugendliche Gemüt den tieferen Eindrücken zugänglich zu machen, welche die Muſik und der Geſang auf dasſelbe ausüben kann und ſoll.

Der Handfertigkeitsunterricht.

Eine wertvolle Erweiterung erhielt der Cehrplan der Schule im Jahre 1892 durch Einführung des Handfertigkeitsunterrichts als eines wahlfreien Unterrichts⸗ gegenſtandes. Das philanthropin iſt mit der Aufnahme dieſes Saches den Be⸗ ſtrebungen ſeiner Begründer gefolgt, die wie alle philanthropiniſten der pflege der techniſchen Arbeit beſondere Beachtung widmeten. Schon das Deſſauer Philan⸗ thropin und die Salzmannſche Erziehungsanſtalt in Schnepfenthal wieſen be⸗ ſondere Stunden für Handarbeit und trefflich eingerichtete Werkſtätten auf; in Schnepfenthal wurde durch Blaſche die theoretiſche Grundlage für dieſen Unter⸗ richtszweig geſchaffen.— Mit Begeiſterung und Eifer hat ſich an unſerer Schule Dr. Dobriner dieſem Unterricht gewidmet und ihn bis zu ſeinem frühen Code geleitet; die erſten Ubungen wurden nach der Krumpaſchen Methode in innige verbindung mit dem geometriſchen Unterricht gebracht und beſtanden in der Her⸗ ſtellung geometriſcher Siguren; ſpäterhin wurden auch andere dem Intereſſenkreis der Schüler entnommene Gegenſtände angefertigt.

Um auch den Schülern der oberen Klaſſen Gelegenheit zu handwerklicher Betätigung zu geben, iſt neuerdings das Stoffgebiet erweitert und ein Kurſus für Holzarbeiten eingerichtet worden, in dem aus rohem Maaterial einfache Kaus⸗ haltungsgegenſtände, teilweiſe mit Schnitzwerk, hergeſtellt werden. Als Vorbilder für das verzierende Schnitzen dienen hierbei vorzugsweiſe wirkliche Gegenſtände aus der Hatur GBlätter, Zweige, Blüten, Srüchte) und Kunſt(klaſſiſche Orna⸗ mente). Der HKandfertigkeitsunterricht gewährt ſo neben all den praktiſchen Vor⸗ teilen und techniſchen Sertigkeiten— er gibt ja in der Handhabung von Säge, Hobel und Schnitzeiſen die Grundlagen der Schreiner⸗ und Holzbildhauer⸗ kunſt— auch einen hohen idealen Wert: Schätzung des Handwerkers und ſeiner