Aufsatz 
Geschichte der Realschule der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) zu Frankfurt am Main 1804-1904. Von Direktor a.D. Dr. Hermann Baerwald und Dir. Salo Adler
Entstehung
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Der Unterricht im Deutſchen. 125

genüge, die Schüler durch Ceſen und Verſtehen muſtergültiger Stücke zu einem geläufigen und korrekten Ausdrucke zu erziehen, ſondern daß ſie gewöhnt werden müßten, ſich immer bewußt des richtigen Ausdrucks zu bedienen. Dazu erſchien als das beſte Mittel eine eingehende Kenntnis der Geſetze der Sprache, der Grammatik. Uber die Methode der grammatiſchen Unterweiſung herrſchte ein ſchein⸗ barer Streit. Joſt hielt es für den richtigen Weg, den deutſchen Schulunterricht an das Leſen und an zuſammenhängende Gedanken anzuknüpfen und die Kenntnis einzelner regelmäßig wiederkehrender oder auch außerordentlicher Sormen immer gelegentlich durchzunehmen. Indes ſeine Lehrbücher vom deutſchen Stil wieſen doch eine zuſammenhängende und tief eindringende Behandlung der Grammatik von der Wort⸗ und Satzlehre bis zu den Redefiguren auf; nur ging er vom Satze aus. Dieſe analytiſche Methode hielt Geiger in ſeiner geiſtvollen Abhandlung im Programm von 1870 für ungeeignet. Man beginne nicht mit dem Satze, ſondern mit den Redeteilen, ihren Sormen, Slexionen, alſo der Sormenlehre; in der Syntax muß die Unterſcheidung der Satzteile, die Lehre vom Gebrauch der Caſus vorangehen.... Die Grammatik iſt die Theorie, das Beiſpiel Experiment.... Ein grammatiſches Syſtem erſt analytiſch entwickeln zu wollen iſt ein Unding. Dieſe Meinung Geigers behielt an der Schule die Oberhand. Den Höohe⸗ punkt erreichte der grammatiſche Unterricht durch die Einführung der Gurckeſchen Lehrbücher. Der geſamte Stoff der Grammatik von der Sormenlehre bis zum Periodenbau wurde nunmehr an der Hand derKauptpunkte und derGram⸗ matik gelehrt. In der Satzlehre wurde eine Art analytiſch⸗ſynthetiſcher Methode angewendet: man ging vom Satze aus, zerlegte und erläuterte ihn grammatiſch nach der Wort⸗ und Caſuslehre und ſetzte ihn wieder zuſammen.

Im Jahre 1870 trat eine Verminderung der deutſchen Unterrichtsſtunden ein; fortab erhielt jede Klaſſe wöchentlich 5 Stunden, welche(was bisher ſeltſamer⸗ weiſe nicht der Sall war) immer in der Hand eines Lehrers vereinigt ſind; nur der Unterricht in der Literaturgeſchichte bleibt von den übrigen Ceilen getrennt. Die Mlethode änderte ſich nur in unweſentlichen Punkten, der grammatiſche Unter⸗ richt behauptete ſeine vorherrſchende Stellung. Auch beim Unterricht im Leſen trat der formale Geſichtspunkt in den Vordergrund. Lautrichtiges, dialektfreies, fließendes und an die Satzzeichen ſich anſchließendes Leſen bildete beſonders in den unteren Klaſſen das erſtrebte Siel. Es ſollte deshalb möglichſt viel geleſen werden, wenn möglich, in den unteren Klaſſen das ganze Leſebuch und in oberen auch größere Dichtungen der Klaſſiker. Auf die Gliederung des geleſenen Stückes wurde nur ſelten Rückſicht genommen, die Erläuterungen beſchränkten ſich auf das Weſentlichſte. Bei ſolchen Anſchauungen kann es nicht wunder nehmen, wenn die Aufſätze ſelten an die Lektüre anknüpften. Hur in den unteren Klaſſen wurde ein vorgeleſenes Stück wiedergegeben, auch wohl ein Gedicht in proſa verwandelt und eine Beſchreibung nach gehöriger Behandlung in der Schule ge⸗ geliefert, in den beiden oberen Klaſſen wurden faſt ausſchließlich Ausarbeitungen allgemeinen Inhalts den Schülern als Aufgabe geſtellt. Daß man dabei über das Ziel hinausſchoß und die Sähigkeiten der Schüler überſchätzte, beweiſen z. B.