Das Lehrerkollegium. 121
Das Lehrerkollegium.
eben dieſen, die äußere Geſtaltung der Schule betreffenden Sragen hatte ſich Baerwald mit den mannigfachen Mängeln, die in den letzten Jahren im Schul⸗ betriebe entſtanden waren, und die einer weiteren gedeihlichen Entwickelung der Anſtalt hinderlich zu werden drohten, zu beſchäftigen. Dieſe Aufgabe war eine ganz beſonders ſchwierige und ließ ſich nur behutſam und nach genauer Kenntnis und Abwägung aller Einzelheiten löſen. Der neue Leiter trat in einen großen Lehrkörper, deſſen Mitglieder zum Teil im Amt ergraut waren und ſich durch ihre Tätigkeit in Schule, Glaubensgemeinde und Stadt eines wohlverdienten Anſehens erfreuten. Der an Jahren weit jüngere Vorgeſetzte kam aus pPreußen, das ſoeben der Selbſtändigkeit der alten Reichsſtadt ein Ende gemacht hatte; noch waren die Wunden, die die Annexion geſchlagen, nicht vernarbt, die preußiſche Straffheit und Einförmigkeit wurden mehr als früher gehaßt, in dem Eindringen der preußiſchen Verwaltung ſah man das Ende der behaglichen Lebensführung, die Unmoglichkeit, fernerhin die Individualität zu wahren und aus eigener Kraft, unbehindert von jeder Einwirkung, zum allgemeinen Wohle zu wirken.
Wie ſich in Srankfurt allerorten beſondere Verhaͤltniſſe herausgebildet hatten, ſo auch in unſerer Schule— ſchon ihr Lehrkorper zeigte eine von einem preußiſchen Lehrerkollegium völlig verſchiedene Suſammenſetzung. Die Lehrer waren zum großen Ceil Autodidakten, freilich im beſten Sinne des Wortes.*) Von 21 Lehrern beſaßen nur 9 eine akademiſche Bildung, nur 2 hatten die Prüfung für das hohere Lehramt, 4 die Elementarlehrerprüfung abgelegt. fleben den Vorzügen, die jene Männer infolge ihrer eigenartigen Vorbildung aufwieſen, daß ſie mit beſonderem Eifer ihr Wiſſen zu erweitern und zu klären ſich beſtrebten, zeigte ſich bei ihnen, wie oft bei Autodidakten, eine beſondere vorliebe für das von ihnen gepflegte Spezialfach, ein Spezialiſtentum, das die Wechſelbeziehungen zwiſchen den einzelnen Sächern zur Geltung zu bringen erſchwerte. Dieſes Spezialiſtentum führte ſogar zur Ceilung eines und desſelben Saches unter mehrere Lehrer; der eine Lehrer hatte in der Geſchichte die Schüler weiter⸗ zuführen, ein anderer leitete in derſelben Klaſſe die geſchichtlichen Wieder⸗ holungen, ein dritter unterrichtete Geographie. Im Deutſchen unterwies der eine Lehrer die Schüler in der Grammatik, einem anderen war die Lektüre anver⸗ traut. Dieſer Übelſtand wäre noch erträglich geweſen, wenn die Lehrer einer einheitlichen Methode gefolgt wären; mit einer gewiſſen Hartnäckigkeit und einem übermäßigen Selbſtbewußtſein, die ſich oft in Naturen entwickeln, die alle Er⸗ folge ihrer unabläſſigen eigenen Mühe und völlig unabhängiger Arbeit verdanken, hielt gar mancher dieſer Lehrer an der von ihm für richtig erkannten Methode feſt und ließ ſich durch keine gewichtigen Gründe und keine Hinweiſe auf autoritative Perſönlichkeiten von ſeiner einmal gefaßten Meinung abbringen. Bei ſolcher Gedankenrichtung konnte der Unterricht nicht immer unter Zugrunde⸗
*) Vgl. Seite 70 und 71.


