Sigismund Sterns Nachfolger. 115
lehrer, obgleich mir eine ausreichende theologiſche Vorbildung fehlte, und Seminarlehrer, ohne daß ich je vorher Schulunterricht gegeben hatte, und nun ſollte ich, ohne je an einer höoheren Schule unterrichtet zu haben, Direktor einer Realſchule und einer höheren Mädchenſchule werden. Ich habe, um meiner neuen Aufgabe gerecht zu werden, 1859/60 mit Erlaubnis des Kgl. Provinzial⸗Schulkollegiums das Berliner Seminar für Stadtſchulen als Hoſpitant beſucht und hatte Gelegenheit, von meinem damaligen Rektor A. Horwitz, Dr. Roſin und dem Schulrat Bormann zu lernen. Ebenſo bemühte ich mich, mir die notigen Kenntniſſe für meine Lehraufgabe an der Religionsſchule anzueignen, ſo daß ich bald meines Lehramtes herzlich froh wurde und ſogar ein Jahr hindurch die Leitung der Religionsſchule übernehmen konnte. So ganz hatte ich mich in meine Aufgabe hineingearbeitet, daß ich mich glücklich fühlte, fortan meine ganze Lehrtätigkeit der heranwachſenden Jugend meiner Glaubens⸗ genoſſen widmen zu können. Sreudig nahm ich die in Srankfurt auf mich gefallene Wahl an und begann ſogleich mit der Vorbereitung zu der mir ge⸗ wordenen Aufgabe. Die beiden Direktoren Krech und Bertram geſtatteten mir längere Zeit in ihren Schulen zu hoſpitieren und gaben mir Gelegenheit, mich mit dem Schulbetrieb und den Lehraufgaben höherer Schulen bekannt zu machen.
Der landesherrlichen Beſtätigung meiner Wahl hatte ein Colloquium pro rectoratu voranzugehen, vorher aber hatte ich mich dem Kerrn Provinzial⸗Schulrat Klix vorzuſtellen. Hicht ohne Beklemmung trat ich bei dem Herrn Schulrat ein. Ich wurde mit harter Unfreundlichkeit empfangen.„Sie wollen“, rief er mir entgegen,„ein berühmter Direktor werden!“„Ein guter Direktor möchte ich dereinſt werden“ war die Antwort.„Das iſt doch dasſelbe.“„Ich war immer der Meinung, daß gute Direktoren zumeiſt diejenigen ſind, von denen man draußen nicht viel ſpricht.“„Das meine ich auch, ich war 13 Jahre Direktor in Glogau.“ Und nun erzählte er mir, wie er ſich dort unter mancherlei Schwierigkeiten be⸗ hauptet habe. Einige Wochen ſpäter, am 20. Mai 1868, ſaß ich im einem Saale des Kgl. Provinzial⸗Schulkollegiums in Berlin dem Herrn Oberpräſidenten der Provinz Brandenburg von Jagow und zwei Schulräten gegenüber. Herr Schulrat Klix wünſchte zunächſt eine Darlegung der in den Ploetzſchen franzoſiſchen Lehr⸗ büchern beobachteten Methode und einen Vergleich derſelben mit dem in jüdiſchen Schulen bei dem hebräiſchen Unterricht zumeiſt befolgten Lehrverfahren. Als das erledigt war, kamen Sragen über deutſchen, geographiſchen und Geſchichts⸗ unterricht und über Schuldisziplin. Wohl über anderthalb Stunden hatte das gedauert, da ergriff der Herr Oberpräſident das Wort:„Sie ſollen in der alten Reichsſtadt, die erſt vor kurzem in den preußiſchen Staatsverband aufgenommen worden iſt, ein wichtiges Amt übernehmen. Sie werden als Preuße Vorurteilen begegnen. Wie wollen Sie dieſelben entkräften? Sie treten in ein Lehrerkollegium ein; da ſind alte, in ihrem Beruf ergraute Lehrer, daneben auch jüngere, alle wohl kaum in der bei uns üblichen Disziplin. Was werden Sie zur Erlangung des unerläßlichen guten Willens und der freudigen Mitarbeit der Lehrer und zur Behauptung Ihrer Autorität tun? Wie werden Sie das Vertrauen und die Liebe
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