114 Sigismund Sterns Nachfolger.
Das Jahr 1848 mit ſeinen Problemen drängte mich zu Geſchichtsſtudien; damals knüpften ſich meine freundſchaftlichen Beziehungen zu Eduard Lasker. Als ich im Srühjahr 1850 die Univerſitätsſtudien in Breslau begann, ſchwebte mir als praktiſches Hiel die Taufbahn eines Gymnaſiallehrers vor. Ich wurde Mitglied des von Guſtav Adolf Stenzel geleiteten hiſtoriſchen Seminars, nahm daneben regelmäßig an den von Richard Röpell und Eduard Cauer eingerichteten hiſtoriſchen Übungen teil und konzentrierte ſchließlich, nachdem mir bei der Bewerbung um die von der philoſopiſchen Sakultät geſtellte Preisaufgabe über Rudolf von Habsburg der Preis zugefallen war, meine Studien auf das 13. Jahr⸗ hundert. An der Berliner Univerſität, die ich Herbſt 1852 bezog, beteiligte ich mich an den von Leopold Ranke geleiteten hiſtoriſchen Ubungen und hörte, da nichts zum Abſchluß der Univerſitätsſtudien drängte, alle ſeine Vorleſungen bis 1856, beſtand dort 1855 das Doktorexamen und dann, nachdem ich einige wiſſen⸗ ſchaftliche Arbeiten beendigt und veröffentlicht hatte, im Auguſt 1856 in Breslau die Prüfung pro facultate docendi. Die Wogen der Reaktion gingen damals in Preußen ſo hoch, daß ich gar nicht erſt den Verſuch machte, mich zum Probejahr zu melden, ſondern nach Wien ging, wo ich in voller Unabhängigkeit ein halbes Jahr lang meine Arbeiten über Rudolf von Habsburg fortſetzte und dann eine Erzieherſtelle im Hauſe des preußiſchen Konſuls Moritz Ritter von Goldſchmidt, eines ehemaligen Schülers des Srankfurter Philanthropins, annahm. Dankbar gedenke ich der glücklichen Tage im Goldſchmidtſchen Hauſe und des anregenden Verkehrs in den Wiener Gelehrtenkreiſen. Allein in éſſterreich meine Lebens⸗ aufgabe zu erfüllen lag mir fern, denn gerade in Wien bin ich aus voller Über⸗ zeugung ein Preuße geworden. Als daher der Prinz von Preußen die Regent⸗ ſchaft übernahm und eine neue Ara einleitete, meldete ich mich bei meinem früheren Rektor zu St. Eliſabeth in Breslau, Dr. Karl Sickert, zum Probejahr; ſeinem wiederholten Antrage hat aber das Kgl. Provinzialſchulkollegium„nach Lage der Geſetzgebung nicht ſtattgeben können“(9. April 1855).*) Ich hatte mich in dem mir durch lange Jahre gegönnten perſönlichen Verkehr mit meinem Lehrer Ranke daran gewöhnt, die menſchlichen Dinge in ihrem geſchichtlichen Suſammenhange zu ſehen. Mich hat daher dieſe Ablehnung weder enttäuſcht noch entmutigt. Ich ſah in dem Beſcheid der Behörde nur einen Reſt jener mittelalterlichen An⸗ ſchauungen, die ſo viele Martyrien herbeigeführt hatten. Wie viel glücklicher war ich doch als meine Vorfahren! Von ihnen aber bewahrte ich ein unver⸗ gleichliches Erbe: unerſchütterliches Gottvertrauen. Ich riß mich von den mir teuer gewordenen Kreiſen los und ging(Ende HNovember 1859), einem Rufe meiner Sreunde Sachs und Roſin folgend, nach Berlin, wo ich an der Religionsſchule der jüdiſchen Gemeinde und an der eben gegründeten jüdiſchen Lehrerbildungsanſtalt Beſchäftigung erhielt. So wurde ich 1859 Religions⸗
*) Im Jahre 1861 meldete ich mich bei dem Kgl. Schulkollegium der Provinz Branden⸗ burg zum Probejahr. Ich erhielt einen ablehnenden Beſcheid, der, auf meine Beſchwerde, von dem Kerrn Miniſter von Mühler als„der beſtehenden geſetzlichen Ordnung gemäß“ nicht aufgehoben werden konnte. Vergleiche Artikel 12 der preußiſchen Verfaſſung.


