112 Direktor Dr. Stern und ſeine Zeit.
Am 19. November 1866 richtete der preußiſche Sivilkommiſſar, Candrat von Madai, an den Senat das Erſuchen, ihm anzuzeigen, welche von den hieſigen höheren Lehranſtalten den preußiſchen Gymnaſien und Realſchulen in der beiſe gleich⸗ ſtänden, daß denſelben die Berechtigung zugeſtanden werden könne, ihren Schülern das Seugnis der wiſſenſchaftlichen Gualifikation für den einjährig⸗freiwilligen Dienſt zu erteilen. Von dieſem Erlaß wurde durch die Gemiſchte Kirchen⸗ und Schulkommiſſion dem Schulrate Kenntnis gegeben mit der Aufforderung, darüber zu berichten, ob die iſraelitiſche Realſchule einen ſolchen Anſpruch erhebe, und eventuell dieſen zu begründen. Der Direktor Dr. Stern ſprach ſich in einem Bericht an den Schulrat auf Grund des Lehrplans und der Leiſtungen der Schule dahin aus, daß die Schule den preußiſchen Realſchulen zweiter Grdnung gleichſtehe. Dieſen Bericht Sterns und das den Lehrplan enthaltende programm von 1866 überſandte der Schulrat der Gemiſchten Kirchen⸗ und Schulkommiſſion. Stern ſandte im Januar 1867 an den Oberregierungsrat C. Wieſe in Berlin eine Überſicht der Organiſation der Schule und Darſtellung ihres Lehrziels. Eine revidierte Abſchrift dieſes Aktenſtückes überſandte der Schulrat der Ge⸗ miſchten Kirchen⸗ und Schulkommiſſion, welche von ihm einen Bericht über die Grganiſation der Anſtalt und die Anſtellungsverhältniſſe der Lehrer verlangt hatte.
Auf dem Inſtanzenwege wurde dieſe Angelegenheit in der Weiſe entſchieden, daß durch Erlaß des Kultusminiſters von Mühler vom 25. Juni 1867 die Schule als Realſchule zweiter Ordnung anerkannt wurde unter dem Bemerken, daß chriſtliche Schüler auf ihr keine Berechtigung erwerben könnten. Durch protokollauszug der Gemiſchten Kirchen⸗ und Schulkommiſſion vom 18. Juli 1867 wurde der Schulrat von dieſem Miniſterialreſſript benachrichtigt.
Der Bericht, auf Grund deſſen dieſe Berechtigung erlangt wurde, war die letzte Arbeit, welche Stern für die Schule geleiſtet hat. Die anſtrengende päda⸗ gogiſche, wiſſenſchaftliche und publiziſtiſche Tätigkeit hatte ſeine Kräfte im Laufe der Jahre erſchöpft. Am 10. Januar 1867 erkrankte er. In ſeinem langen Leiden, das er mit Ruhe und ſtiller Ergebung trug, wurden ihm rührende Be⸗ weiſe der Liebe und Verehrung von ſeinen Schülern und Schülerinnen, dem Lehrer⸗ kollegium und ganz beſonders vom Schulrat zuteil. Am 9. Mai 1867 um die Mittagsſtunde iſt er im 55. Lebensjahre ſanft verſchieden, am 12. Mai wurde er unter allgemeiner Teilnahme zur ewigen Ruhe geleitet. An ſeiner Bahre ſprachen: Rabbiner Dr. Abraham Geiger, Dr. Heinrich Schwarzſchild, Dr. Ceopold Stein und im Namen des Schulrats und des Lehrerkollegiums Dr. Jakob Auerbach.
Ein Mann, der ſeine reiche Kraft in den Dienſt hoher deale geſtellt, eine würdevolle, edle Perſönlichkeit iſt in Sigismund Stern vor der Seit dahin⸗ gegangen. Allgemein war die Anerkennung ſeiner bleibenden Verdienſte um die Schule und die Empfindung eines unerſetzlichen Verluſtes.*)
Wie einſt nach dem Rücktritt von Heß, ſo ſetzte der Schulrat auch jetzt ein Direktorium ein, beſtehend aus den drei älteſten Lehrern, Sabel, Dr. Auerbach
*) Vgl. Jakob Auerbach, programm unſerer Schule vom Jahre 1868, S. 3—15.


