Aufsatz 
Geschichte der Realschule der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) zu Frankfurt am Main 1804-1904. Von Direktor a.D. Dr. Hermann Baerwald und Dir. Salo Adler
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Oberlehrer Dr. Heß und ſeine Mitarbeiter. 105

Liebenswürdigheit ihres Gemüts und erfreute ſich der Liebe und Verehrung ihrer Schülerinnen.Der Tod überraſchte ſie faſt inmitten ihrer Tätigkeit, nachdem ſie einen einzigen Tag den Unterricht verſäumt und noch eine Stunde vor ihrem Scheiden ihrer Stellvertreterin über die Arbeiten und den Charakter einzelner Schülerinnen vorſorglichen Aufſchluß gegeben hatte.(Progr. 1861, S. 44 f.)

Srau Charlotte Wohl war Handarbeitslehrerin von 1825 bis 1845, wo ſie wegen geſchwächter Sehkraft vom Amte zurücktrat.

Srau Henriette Bonn, geb. Dreher, geſt. am 31. Marz 1893 im Alter von nahezu 95 Jahren, war eine der erſten Schülerinnen der Mädchenſchule des Philanthropins geweſen. Aus jener Seit bewahrte ſie ſich eine begeiſterte Ver⸗ ehrung für ihre ehemaligen Lehrer, die ihr Vorbilder hingebender Arbeit für die Schule waren, an der ſie ſelbſt von 1840 bis 1868 als Handarbeitslehrerin wirkte. Noch nach ihrem Rücktritt vom Amte war ſie unermüdlich, zumal für die Erziehung armer Kinder tätig.

Sräulein Agathe Dann, ſpäter Srau Beer, erteilte von 1845 bis 1862 und von 1868 bis 1887 Kandarbeitsunterricht. Sie war eine mit großer Gewiſſen⸗ haftigkeit und Arbeitsfreudigkeit in ihrem Berufe tätige Lehrerin, die ausge⸗ zeichnete Lehrerfolge erzielte.

Sräulein Eliſe Rupp lehrte von 1846 bis 1871 weibliche Handarbeiten. Sie hat beſonders durch den feinen Takt ihres Weſens auf die Schülerinnen bildend gewirkt.

23. Direktor Dr. Sigismund Stern und ſeine Zeit.

Im Jahre 1849 war Heß von einem ernſtlichen Unwohlſein befallen worden, und Joſt im Verein mit Sabel und Beer wurden zeitweiſe mit der Stellvertretung beauftragt. 1852 mußte Heß ſeine unterrichtliche Tätigkeit ſehr einſchränken, und am 22. Auguſt 1854 beantragte er ſeine penſionierung. 1852 ſchon war der Schulrat bemüht, einen geeigneten Mann zur Leitung der Schule zu finden. Schon damals wurde von Dr. Moritz Veit in Berlin Sigismund Stern als ein ſolcher bezeichnet, und in der Tat iſt man, nachdem man der Reihe nach über alle in Betracht kommenden Perſoönlichkeiten authentiſch unterrichtet war, gerade anf ihn wieder zurückgekommen. Er wurde am 2. Juli 1855 feierlich in ſein Amt eingeführt.

Dr. Sigismund Stern, geboren den 2. Juli 1812 in Karge, einer kleinen Stadt der Provinz poſen, war 30 Jahre jünger als Michael Heß, und in ſeinem Bildungsgange iſt der in dem Erziehungsweſen der Juden in dieſem Seitraum gemachte große Sortſchritt deutlich erkennbar. Heß war Autodidakt, Stern hat den regelmäßigen Studienweg durch Gymnaſium und Univerſität gemacht. Bis zu ſeinem 13. Lebensjahre wurde er von ſeinem Vater im Talmud und von einem Privatlehrer in den Elementarkenntniſſen unterrichtet.