Aufsatz 
Geschichte der Realschule der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) zu Frankfurt am Main 1804-1904. Von Direktor a.D. Dr. Hermann Baerwald und Dir. Salo Adler
Entstehung
Einzelbild herunterladen

*

Oberlehrer Dr. Heß und ſeine miitarbeiter. 97

Schriften ſelbſt die notwendigen Verbeſſerungen des jüdiſchen Ritus erzielen*). Aus ſeinem Konfirmandenunterrichte iſt ſein BuchStunden der Weihe für iſraelitiſche Konfirmanden hervorgegangen.

. Durch ſeinen am 5. Auguſt 1842 erfolgten Cod erlitt die Schule einen ſchweren Verluſt. Heß hat ihm in der Einladungsſchrift von 1843 einen tief⸗ empfundenen Nachruf geweiht. Das Verlangen, den Namen des ausgezeichneten Lehrers für die Dauer der Zeiten in der Schule zu erhalten, veranlaßte das Lehrerkollegium und den Schulrat, auf den Vorſchlag Joſts der Witwen⸗ und Waiſenkaſſe unſerer Schule den Namen Creizenach⸗Stiftung zu geben.

Dr. Jſaak Marcus Joſt-*) wurde geboren zu Bernburg am 22. Sebruar 1793, woſelbſt ſein aus Jaroslaw in Polen ſtammender Vater im Jahre 1780 ſich als Schutzjude hatte niederlaſſen dürfen; ſeine Mutter war aus Wolfenbüttel. Vom fünften Jahre an führte er ſeinen wenige Jahre vorher erblindeten Vater, der durch ſeine Rechtlichkeit, liebenswürdige Heiterkeit und fromme Ergebung einen großen Einfluß auf ihn ausubte. Er beſuchte anfangs eine kleine jüdiſche Schule ſeiner Vaterſtadt, erhielt aber auch von dem jüdiſchen Arzt Dr. Mathis, welcher nach Art der Jünger Mendelsſohns beſtrebt war, die Kinder ſeiner Ge⸗ meinde weiter zu bilden, einen Elementarunterricht, beſonders in hebräiſcher Grammatik; ſchon damals trat ſeine fleigung zu grammatiſchen Studien hervor. Durch die Verwendung ſeines Großvaters wurde er in die Samſonſchule in Wolfen⸗ büttel aufgenommen, die, damals noch eine Talmudſchule, wenige Jahre nachher in eine Elementarſchule unter Leitung des ausgezeichneten Pädagogen Samuel Meyer Ehrenberg(geſtorben am 21. Oktober 1853) verwandelt wurde. Sein lit⸗ ſchüler war hier Leopold Sunz. So gewann er eine talmudiſche und auch eine allgemeine Elementarbildung. Joſt ſollte nach dem Wunſche ſeines Großvaters das Buchbinderhandwerk erlernen, und er ſelbſt fand ſich gern dazu bereit. Da ereignete es ſich, daß ein Mitglied der Samilie Samſon einen fähigen Schüler als Geſellſchafter ſeiner Kinder nach Braunſchweig zu nehmen beabſichtigte. Dazu wurde Joſt gewählt, vor ſeinem Eintritt ſollte er aber gründlich im Lateiniſchen und im Griechiſchen unterrichtet werden. Da ſaßen denn die beiden Waiſenknaben Joſt und Sunz im Winter 1808709 bis in die ſpäte Nacht hinein über lateiniſchen und griechiſchen Büchern beim Scheine der Reſte von Synagogen⸗ kerzen und bereiteten ſich zu einer Gelehrtenlaufbahn vor; Hunz wurde der Begründer der wiſſenſchaft des Judentums, Joſt der erſte deutſche Geſchicht⸗ ſchreiber der Juden. Im April 1809 trat Joſt in das Braunſchweiger Gymna⸗ ſium ein und war nun 4 Jahre lang Hauslehrer und Gymnaſiaſt. 1813 bezog er die Univerſität Göttingen und nach 3 Semeſtern die Univerſität Berlin. In Göttingen ſchon lebte er ſich völlig in deutſche Art und vaterländiſches Streben ein, und damals ſchon kannte er keinen edleren Beruf, als dereinſt auf ſeine

*) Heß, Progr. 1843, S. 11.

**)Vor einem halben Jahrhundert(Selbſtbiographie) inSippurim von paſcheles, Bd. III, S. 141 ff.; Stern, Progr. 1861, S. 45 ff.; Nehemias Brüll, Allg. Deutſche Biographie, Bd. 14, S. 577.

7

70