96 Oberlehrer Dr. Seß und ſeine Mitarbeiter.
reichbewegtes Leben herrſchte und es der Mittelpunkt einer revolutionären Be⸗ wegung und der Sammelplatz hervorragender Männer war. Er widmete ſich anfangs talmudiſchen Studien mit ſo ungewöhnlichem Erfolg, daß er in ſeinem 13. Jahre als ein Wunderkind die Aufmerkſamkeit auf ſich zog. Dann beſuchte er ſeit 1806 das Lyceum in Mainz, wo er unter der An⸗ leitung des profeſſors Curquem ſich beſonders mathematiſcher Studien befliß. 1808 wurde er mit Auszeichnung aus dem Lyceum entlaſſen. Einer Herzens⸗ neigung folgend, ſchloß er früh eine Ehe. Seine Samilie und der Rückgang der elterlichen Vermögensverhältniſſe nötigten ihn, ſich nach einer ſicheren Exiſtenz um⸗ zutun, und ſo gründete er, da ihm durch die Einverleibung von Mainz in das Großherzogtum Heſſen die Ausſicht auf ein öffentliches Amt genommen war, 1814 eine Knabenſchule für Iſraeliten, die ſpäter zur öffentlichen Gemeindeſchule wurde, und der er bis zu ſeinem hieſigen Amtsantritte vorſtand. Daneben erteilte er mathe⸗ matiſchen Privatunterricht, u. a. an die Offiziere der Mainzer Garniſon. In den Jahren 1821— 1825 veröffentlichte er mehrere mathematiſche Abhandlungen, 1824 promovierte er in Gießen als Doktor der Philoſophie. Auch ſetzte er eifrig ſeine theologiſchen Studien fort und gab 1825 eine Seitſchrift„Geiſt der phari⸗ ſäiſchen Lehre“ heraus, welche 1825 ſeine Berufung an unſere Schule veranlaßte.
Er unterrichtete hier Religion, Deutſch, Geſchichte, Rechnen und Mathematik. Der Schwerpunkt ſeiner Lehrtätigkeit lag im Religionsunterricht, in den Vor⸗ trägen im Andachtſaal, in dem Konfirmandenunterricht und der Konfirmation. Seine Begeiſterung für das Judentum, ſeine Überzeugung, daß es, ſeinem wahren Geiſte nach aufgefaßt und fortgebildet, mit der modernen Bildung und den Sor⸗ derungen des bürgerlichen Lebens im Einklang ſtehe, kam in ſeinen Reden zu ergreifendem, begeiſterndem Ausdruck. Dieſe Vorträge, Ausſtrömungen eines reichen Geiſtes und Ergüſſe eines für das Wohl ſeiner Glaubensgenoſſen glühenden Herzens über die wichtigſten Sragen des Judentums und der Sittenlehre, übten auf die damalige Generation unſerer Gemeinde eine nachhaltige Wirkung aus. Beſonders gern nahm er Ereigniſſe in der Gemeinde zum Ausgangspunßtt, um ſie im Geiſte der Religion zu beleuchten und Ermahnungen daran zu knüpfen. Als Lehrer zeichnete er ſich durch Klarheit und Beſtimmtheit des Vortrags, durch Gewandtheit und praktiſchen Blick aus. Er beſaß die Liebe und die Achtung der Schüler in hohem Grade.
Obwohl er durch die Schule ſtark in Anſpruch genommen war und noch täglich mehrere Privatſtunden gab, um ſein Einkommen zu verbeſſern, fand er doch auch hier noch Zeit zu wiſſenſchaftlicher und ſchriftſtelleriſcher Tätigkeit. Außer verſchiedenen mathematiſchen Lehrbüchern verfaßte er eine Anzahl Aufſätze für Abraham Geigers„Wiſſenſchaftliche Seitſchrift für jüdiſche Theologie“ und das Werk„Schulchan Aruch oder encyklopädiſche Darſtellung des moſaiſchen Geſetzes, wie es durch die Rabbiner ſich ausgebildet hat, in Hinſicht auf die Reformen, welche durch die Seit nützlich und möglich geworden ſind.“ 4 Ceile. Er wollte in dieſem Werke„vermittelſt der rabbiniſchen und talmudiſchen


