94 Oberlehrer Dr. Heß und ſeine Mitarbeiter.
Dr. Salomon Munk wegen der Judenverfolgungen von Damaskus*) begeben hatte, am 7. und 8. Dezember 1840 dem Unterricht beigewohnt. Die Schule trat als die bedeutendſte Leiſtung der Srankfurter jüdiſchen Gemeinde hervor, und die Gemeinde zögerte darum auch damals nicht, das Patronat zu übernehmen und ihr ein Haus zu bauen, welches in jener Seit als das ſtattlichſte Schulgebäude Srankfurts gelten konnte.
So bedeutende Erfolge, die von Heßin einer faſt ein halbes Jahrhundert währenden Tätigkeit erreicht wurden, waren mit mannigfachen Kämpfen verbunden. Heß war vom Talmudſtudium unmittelbar übergegangen zu bVoltaire und Rouſſeau, zu Leſſing und Herder. Er war ein Mann der Aufklärungsperiode, auf den zugleich die Ideen der franzöſiſchen Revolution den größten Einfluß ausübten. Viele, die einen ähnlichen Bildungsweg gegangen waren, haben ſich bei alledem die Wertſchätzung des jüdiſchen Schriftentums bewahrt. Heß iſt von der Epoche ſeines Calmudſtudiums nur eines geblieben: der Schmerz über„die Dürftigkeit, Un⸗ zulänglichkeit und praktiſche Unbrauchbarkeit deſſen, was den Hauptinhalt ſeiner Jugendbildung ausmachte“.**) Mehr und mehr löſte er ſich von dem religiöſen Herkommen und ſah mit den Aufklärern das Weſen der Religion in ihrer ſitt⸗ lich veredelnden Kraft. Er war aufrichtig bemüht, die Kinder zu gottesfürchtigen und ſittlich guten Menſchen zu erziehen und legte von Anfang an darauf das größte Gewicht. Sein höchſtes Siel war die Erziehung zur Humanität; für ſie iſt er in Wort und Schrift allezeit eingetreten.***)
Von der Richtigkeit ſeines Standpunkts war er feſt durchdrungen, und mit der Siegesgewißheit eines Refortnators iſt er in den Kampf für den religiöſen und politi⸗ ſchen Sortſchritt eingetreten; er ging darin freilich ſo weit, die Verteidiger des Alten leichthin als Heuchler zu behandeln.†) Unwillkürlich trat in ſeinen Entlaſſungs⸗ reden und Vorträgen im Andachtſaal manchmal ein Radikalismus zu Tage, den der Schulrat dämpfen zu müſſen glaubte.
Dieſer Standpunkt des Oberlehrers, den manche ſeiner Mitarbeiter teilten, hat dahin geführt, daß die dem religiöſen Liberalismus abholden Kreiſe der jüdiſchen Gemeinde es vorzogen, ihre Kinder ſtädtiſchen Schulen oder der 1853 eröffneten Realſchule der Iſraelitiſchen Religionsgeſellſchaft anzuvertrauen. Seine Gegner betonten aber immer nur ſeinen religiöſen Radikalismus und erkannten niemals an, daß ſein ganzes Leben trotz alledem ſeinen Glaubensgenoſſen ge⸗ widmet war, für deren religiöſe und humane Bildung er allezeit mit Aufopferung und Erfolg tätig geweſen iſt.
*) Vgl. Joſt, Neuere Geſchichte der Iſraeliten II, 346 ff; Grätz, Seſchichte der Juden, XI ², 466.
**) Die Bürger⸗ und Realſchule 1857, S. 11.
***) Vgl. ſeine Schrift„Über die Bildung zur Humanität. Sreundliche Worte an Lehrer in Bürger⸗ und Volksſchulen“. Srankfurt a. N. 1842.
†) Vgl. den Nachruf für M. Creizenach, Progr. 1843, S. 8.


