Aufsatz 
Geschichte der Realschule der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) zu Frankfurt am Main 1804-1904. Von Direktor a.D. Dr. Hermann Baerwald und Dir. Salo Adler
Entstehung
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Oberlehrer Dr. Heß und ſeine miitarbeiter. 93

Schule erfüllt waren, aber doch auch zugleich von dem beſtimmten Willen, uberall ihre eigenen Anſchauungen geltend zu machen. Wohl hatte Heß einen richtigen Begriff von den unerläßlichen Befugniſſen und der notwendigen Autorität eines Schuldirektors; aber ſo wenig wie ſeine Schulbehörde wollten in den erſten Jahrzehnten ſeiner amtlichen Tätigkeit die Lehrer ſeine Leitung anerkennen, ſie ſahen in ihm nur den erſten unter Gleichberechtigten. Dies kam auch in den Lehrerkonferenzen zum Ausdruck, deren Vorſitzender nicht der Oberlehrer, ſondern ein Schulrats⸗ mitglied war und im Intereſſe geordneter Verhandlungen auch ſein mußte, wie denn auch ſtets nicht das Votum des Oberlehrers, ſondern der Beſchluß der Konferenz für den Schulrat maßgebend war.

Unmögliches wurde von ihm verlangt: 26 Stunden wochentlichen Unterricht ſollte er geben und dabei zugleich die Pünktlichkeit und den Unterricht der Lehrer beaufſichtigen. Jede ſeiner Klagen über Unpünktlichkeit wurde mit dem gleichen Vorwurf gegen ihn ſelbſt beantwortet. Und weil dieſe Vorwürfe nicht immer unbegründet waren, ſo wurden 1817 zwei Lehrer mit der Kontrolle der Pünktlichkeit des Oberlehrers beauftragt, zu der ſich bald jeder einzelne Lehrer berechtigt hielt.

Bei all ſeinen mannigfachen Arbeiten und Sorgen befand er ſich oft genug in bedrängten äußeren Verhältniſſen. Er trat ſeine Stellung mit einem Gehalt von 400 fl. an, das ſich zwar raſch ſteigerte ſeit 1814 bezog er 1200 fl., doch reichte es nicht aus, und er war noch lange auf Privatunterricht angewieſen. Sein Einkommen verbeſſerte ſich einigermaßen auch dadurch, daß ſeine Srau ſeit 1813 als Handarbeitslehrerin beſchäftigt war und dafür jährlich 250 fl. Honorar bezog. Seine Dienſtwohnung im Kompoſtell war durchaus unzureichend, erſt in ſeinem 64. Lebensjahre bekam er 1845 im neuen Schulgebäude eine ſtandesgemäße Wohnung.

Bei alledem waren aber doch der Oberlehrer, das Lehrerkollegium und der Schulrat durch das Bewußtſein gemeinſamer Arbeit für dasſelbe iel, die Beſſerung der Lage ihrer Glaubensgenoſſen durch rationellen Jugendunterricht, eng verbunden. Selbſt die Eigenmächtigkeit der einzelnen Cehrer und ihr Wider⸗ ſtreben gegen die Autorität des Oberlehrers hatten zum Ceil ihre Guelle in ihrem hohen Pflichtbewußtſein und im Gefühl der Verantwortlichkeit jedes einzelnen für das Ganze..

Heß und ſeine Genoſſen aus der Heit des Philanthropins, zu denen dann Johlſon, Creizenach und Joſt als die hervorragendſten hinzutraten, hoben in der erſten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Schule zu einer ſolchen Bedeutung und ſolchem Anſehen empor, daß keine andere jüdiſche Schule Deutſchlands ſich mit ihr vergleichen konnte. So ſtrömten ihr denn auch Schüler aus allen Gegenden zu, und hervorragende Männer, die ſich für die Kultur der Juden intereſſierten, unterließen es bei ihrer Anweſenheit in Srankfurt nicht, die Schule zu beſuchen und ihre Einrichtungen kennen zu lernen; als der berühmteſte von allen hat Adolphe Crémieux(geb. 1796, geſt. 1880) auf ſeiner Rückreiſe aus dem Orient, wohin er ſich mit Sir Moſes Montefiore und