Aufsatz 
Geschichte der Realschule der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) zu Frankfurt am Main 1804-1904. Von Direktor a.D. Dr. Hermann Baerwald und Dir. Salo Adler
Entstehung
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92 Gberlehrer Dr. Heß und ſeine mliitarbeiter.

24 Jahren wurde erHauptlehrer am pPhilanthropin. Er trat mit jugendlicher Begeiſterung für den Lehrerberuf ſein Amt an, ſich beglückt fühlend, ſein mühſam errungenes Wiſſen einer größeren Sahl lernbegieriger Knaben mitteilen zu können.*) Bei der immer mehr hervortretenden Unfähigkeit des kurz vorher als Oberlehrer angeſtellten Cehrers Diehl wurde Heß ſogleich der leitende Mann und blieb es auch, als ein Jahr ſpäter neben ihn der gelehrte Profeſſor Molitor als Oberlehrer und Inſpektor berufen wurde. Sortan widmete er alle ſeine Kraft dieſer aufkeimenden Schule. Nachdem er in den drei erſten Jahren das Philanthropin einigermaßen organiſiert hatte, drängte er zur Gründung einer Mädchenſchule. Ohne jeden religiöſen Unterricht waren bis dahin die jüdiſchen Mädchen aufgewachſen. Dieſe Lücke wurde mit Erfolg ausgefüllt.**) Im Jahre 1813, in der Seit, da der Sortbeſtand des Philanthropins durch das Projekt der Carlsſchule bedroht war, wurde die Schule durch ſein energiſches Eingreifen erhalten.

Als im folgenden Jahre, nach der Wiederherſtellung der Sreien Stadt, reaktionäre Beſtrebungen innerhalb der Gemeinde die Anſtalt von neuem be⸗ drohten, ſuchte er durch einen im Srühjahr 1814 erlaſſenen flammenden Aufruf die gegen die Schule erhobenen Beſchuldigungen zurückzuweiſen***). Damals und allezeit trat er auch für die politiſchen Rechte ſeiner Glaubensgenoſſen ein).

Leicht iſt es, auf geebneter Bahn fortſchreitend die Lebensaufgabe zu erfüllen, durch Gymnaſium, Univerſität und pädagogiſches Seminar zu einer Lehrtätigkeit an einer wohlgeordneten Schule zu gelangen und ſich ſchließlich auch als Schul⸗ leiter zu bewähren. Wie anders erging es Heß! Wie er autodidaktiſch ſich alle für ſeinen Beruf erforderlichen Kenntniſſe erwerben mußte, ſo hatte er auch für ſeine praktiſche, unterrichtliche Tätigkeit weder ein Vorbild noch eine An⸗ leitung; ja, er hatte dabei eine ihm angeborene temperamentvolle Heftigkeit und Leidenſchaftlichkeit, der er erſt nach und nach Herr geworden iſt, niederzußgämpfen. Er hat es als ein Glück empfunden, überhaupt eine Schule als Arbeitsfeld gewonnen zu haben, aber auch dieſe hatte er erſt zu formen und unter mannigfachen Schwierigkeiten auszudehnen und weiterzubilden. Wie viel Nachdenken, Sleiß und Mühe waren dazu für ihn erforderlich, dem die Wohltat, in ſeiner Jugend einer wohlgeordneten Schule anzugehoren, verſagt geblieben war! Einen Lehrplan mußte er ſelbſt ſchaffen. Er mußte auf die Beduüͤrfniſſe der ſich erſt bildenden Schulgemeinde achten und danach die Lehr⸗ aufgabe der geſamten Schule und der einzelnen Klaſſen beſtimmen.

Hätte er dabei nur eine aus Sachmännern beſtehende vorgeſetzte Behorde gehabt! Seine vorgeſetzte Behörde beſtand aus Kaufleuten, die von den beſten Abſichten für die

*) Die Bürger⸗ und Realſchule. 1857. S. 19.

**) Siehe ſeinen Aufſatz:Darſtellung der Töchterſchule des jüdiſchen Philanthropins in Srankfurt a. M. in Sulamith III, 2, S. 177 194.

***) Abgedruckt inDie Bürger⸗ und Realſchule, 1857, S. 51 56.

f)Sreimütige Prüfung der Schrift des Herrn profeſſor Rühs über die Anſprüche der Juden an das deutſche Bürgerrecht. Srankfurt a. M. 1816, undEpiſtel der Hebräer an Dr. Paulus. 1831.