76 Die Volksſchule.
11. Die volksſchule.
Wir haben geſehen, wie das Philanthropin, das urſprünglich für arme Kinder beſtimmt war, nach und nach ſein größtes Schülerkontingent aus den Kreiſen der bemittelten Gemeindemitglieder erhielt. Dabei galt aber weiter als ſelbſtverſtändliches Erfordernis, für den Unterricht armer Kinder in der Schule zu ſorgen. Daraus hat ſich ergeben, daß das, was im Jahre 1813 Bürger⸗ und Realſchule der Iſraelitiſchen Gemeinde hieß, ſich zu einer Realſchule(für diejenigen, die das höhere Schulgeld zahlen konnten) und einer Volksſchule (für Minderbemittelte und Arme) umwandelte. So wird dann auch die Schule in den offiziellen Aktenſtücken ſeit 1818 Real⸗ und Volksſchule der Iraelitiſchen Gemeinde genannt, wie ſie auch die Schulordnung von 1822 bezeichnet. Nach dem urſprünglichen plane war eine dritte Klaſſe für Handwerker und eine Mädchenvolksſchule im Jahre 1813 eingerichtet worden, welche 1814 zu der gemiſchten Volksſchule für Knaben und Mädchen verſchmolzen wurden.
Die Aufgabe der Volksſchule war, den unteren Schichten der hieſigen jüdiſchen Gemeinde diejenige Bildung zu vermitteln, die für ſie erforderlich und erſprieß⸗ lich ſchien; beſonders erhoffte man von ihrer Mitwirkung viel für die Schaffung eines jüdiſchen Handwerkerſtandes, eine Hoffnung, die ſich indeſſen bei den 1815 eingetretenen neuerlichen Beſchränkungen der jüdiſchen Handwerker nicht verwirklichte. Es wurden in ihr in 2 Klaſſen mit je 4 jährigem Lehrkurſus, der allerdings von den wenigſten Schülern vollſtändig abſolviert wurde, die Elementarfächer, Religion, Hebräiſch, deutſche Sprache, Rechnen, das Wichtigſte aus der Erdkunde, Schönſchreiben, Zeichnen und Singen gelehrt. 1816 wurden die weiblichen Handarbeiten eingeführt, 1837 kam für die Knaben der oberen Klaſſe das Sranzöſiſche hinzu.
Die Volksſchule, zumal ihre untere Klaſſe, erfreute ſich in den erſten Jahren ihres Beſtehens einer ſtarken Srequenz. In der unteren Klaſſe waren manch⸗ mal 60 und mehr Schüler und Schülerinnen vereinigt; die Knaben dieſer Klaſſe waren an Alter und Größe äußerſt ungleich. bielfach beſuchten dieſe Schule auch auswärtige Knaben, und ſie trugen weſentlich dazu bei, daß ihr Ruf mit der Seit abnahm; denn ſie waren weniger anſtändig als die Srank⸗ furter Kinder, vielfach waren ſie auch ſchon zu alt und erſchwerten die Disziplin. Die auswärtigen Kinder zahlten allgemein 24 fl. jährliches Schulgeld, hieſige minder wohlhabende brauchten nur die Hälfte dieſer Summe oder auch gar nichts zu bezahlen; der Schulrat bewilligte alle Geſuche hieſiger Samilienväter um un⸗ entgeltliche Aufnahme ihrer Kinder in die Volksſchule ohne weiteres.
Die Schule hatte im Anfang ihr Lokal im Kompoſtell. 1838 wurde ſie in das Erdgeſchoß des nebenan gelegenen, Kerrn Wilhelm Speyer gehörigen Hauſes verlegt, weil ihre ſeitherigen Räume für die ſtets zunehmende unterſte Klaſſe der Realſchule verwendet werden ſollten. Erſt als das neue Schulgebäude bezogen wurde, kam ſie wieder mit der Realſchule unter ein Dach.
Im Jahre 1836 gedachte der Schulrat dem zunehmenden Verfall der Volks⸗ ſchule dadurch abzuhelfen, daß er auf Antrag der LCehrerkonferenz beſchloß, es ſollten


