Aufsatz 
Geschichte der Realschule der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) zu Frankfurt am Main 1804-1904. Von Direktor a.D. Dr. Hermann Baerwald und Dir. Salo Adler
Entstehung
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Der Sürſt Primas und das jüdiſche Philanthropin. 21

Goethe am 3. April 1808 antwortete:Die Dokumente philanthropiſcher Chriſten⸗ und Judenſchaft ſind glücklich angekommen, und Ihnen ſoll dafür, liebe kleine Sreundin, der beſte Dank werden. Es iſt recht wunderlich, daß man eben zur Heit, da ſo viele Menſchen totgeſchlagen werden, die übrigen aufs beſte und zierlichſte auszuputzen ſucht. Sahren Sie fort, mir von dieſen heilſamen Anſtalten, als Beſchützerin derſelben von Heit zu Seit Nachricht zu geben..... Machen Sie mir doch eine Schilderung von Kerrn Molitor. Wenn der Mann ſo ver⸗ nünftig wirkt, als er ſchreibt, ſo muß er viel Gutes erſchaffen.(a. a. O. S. 42). Dieſe Schilderung Molitors enthält ein Brief der Bettina vom April 1808, in dem ſie berichtet:Molitor war geſtern bei mir ich las ihm die Worte über ihn aus Deinem Briefe vor, ſie haben ihn ſehr ergötzt; dieſer Edle iſt der meinung, daß da er einen Leib für die Juden zu opfern habe, und einen Geiſt ihnen zu widmen, beide auch recht nützlich anzuwenden; es geht ihm übrigens nicht ſehr wohl, außer in ſeinem Vertrauen auf Gott, bei welchem er jedoch feſt glaubt, daß die Welt nur durch Schwarzkunſt wieder ins Gleichgewicht zu bringen iſt. Er hat groß Vertrauen auf mich, und glaubt, daß ich mit der Divinations⸗ kraft begabt bin; brav iſt er, und will ernſtlich das Gute; bekümmert ſich des⸗ wegen nicht um die Welt und um ſein eigen Sortkommen; iſt mit einem Stuhl, einem Bett und mit fünf Büchern, die er im Vermögen hat, ſehr wohl zufrieden. (Grimm S. 126). Am 20. April 1808 ſchrieb ihr Goethe:Was Sie mir von molitor zu ſagen gedenken, wird mir ſehr angenehm ſein. Auch durch das Letzte, was Sie von ihm ſchicken, wird er mir merkwürdig, beſonders durch das, was er von der peſtalozziſchen Methode ſagt.(a. a. O. S. 50)*).

Es war das oben erwähnte erſte Schulprogramm des Philanthropins und ein in den Europäiſchen Staatsrelationen von flikolas Vogt, Bd. XI, S. 155 168 enthaltener Aufſatz Molitors, auf den Goethe ſich hier bezieht, und den Bettina ihm inzwiſchen geſchickt hatte. Man ſieht: Bettina war eine Beſchützerin des jüdiſchen Philanthropins, und durch ſie wurde Goethes Aufmerkſamkeit auf dasſelbe gelenkt. Von den beiden Leitern der Anſtalt war Molitor Mlitarbeiter der Europäiſchen Staatsrelationen, Heß Mlitarbeiter der Sulamith. Die aufkeimende Anſtalt war eben eine Kulturſtätte, welche um ſo mehr beachtet wurde, als die allgemeinen jüdiſchen Angelegenheiten durch die vom Sürſten Primas ausge⸗ gangene geſetzliche Regelung der Verhältniſſe der Srankfurter Judenſchaft damals das Intereſſe gröͤßerer Kreiſe in Anſpruch nahmen.

*) Vgl. den intereſſanten Aufſatz von Cudwig GeigerGoethe, Bettine und die Srankfurter Juden in der Allgemeinen Zeitung des Judentums vom 2. Oktober 1903(Hr. 40), S. 474 ff.