20 Der Sürſt Primas und das jüdiſche Philanthropin.
und Geſchichte*). Die erſte Prüfung, die er am 29. und 30. Dezember 1807 leitete, übte eine große Anziehungskraft. Es erſchienen: die Sürſtlich Prima⸗ tiſche Schulbehörde mit ihrem Leiter, dem Geh. Legationsrat Il. Vogt, der Stadt⸗ ſchultheiß von Günderrode und Geheimrat Seeger, ſowie Lehrer des Gymnaſiums und der Muſterſchule. Molitor eröffnete die Prüfung mit einer Rede, die auf alle Anweſenden einen großen Eindruck machte. Drei Söglinge hielten An⸗ ſprachen, darunter einer in franzöſiſcher Sprache. Es folgte die Prüfung, die zwei Nachmittage von 1 bis 8 Uhr in Anſpruch nahm und jedesmal mit Geſang eingeleitet wurde. Molitor prüfte Naturgeſchichte und mathematiſche Geographie, Heß Hebräiſch, Geſchichte, Elementarkenntniſſe, Maas Sranzöſiſch, Dr. Kaiſer Geographie, Slaſchin Rechnen; die IIlitte der Prüfung bezeichnete ein„Geſang zum Lobe unſeres Sürſten“, den Schluß bildeten die von dem Geh. Legationsrat Vogt vorgenommene feierliche Preisverteilung und eine ſehr ſchöne, der Sache angemeſſene Rede von Heß, welche ebenſo wie Molitors Eingangsrede mit großem Beifall aufgenommen wurde. Die Zufriedenheit war allgemein. Der Vorſtand beſchloß, den Lehrern und Zoglingen„Serien von einigen Tagen“ zu geben und die von Molitor verfaßte Einladungsſchrift(„Einige Worte über Erziehung mit beſonderer Hinſicht auf das jüdiſche Philanthropin zu Srankfurt a. M.“, Srank- furt a. M. 1807), ſowie die gehaltenen Reden dem Sürſten primas, dem Miniſter von Eberſtein und dem Abbé Grégoire nach paris zu ſenden.
Die Srau Rat hatte bereits am 5. Januar 1808 ihrem Sohne über die neue Stättigkeit Bericht erſtattet. Darauf bezieht ſich Bettina, indem ſie ihm ſchreibt:„Von den Juden und den neuen Geſetzen ihrer Stättigkeit hat Dir die Mutter ſchon Meldung getan, alle Juden ſchreiben ſeitdem, der Primas hat viel Vergnügen an ihrem Witz.— Alle Chriſten ſchreiben über Erziehung, es kommt beinah alle Woche ein neuer plan von einem neu verheirateten Erzieher heraus. Mich intereſſieren die neuen Schulen nicht ſo ſehr als das Judeninſtitut, in das ich oft gehe.“(Goethes Briefwechſel mit einem Kinde, herausgegeben von Hermann Grimm, 4. Aufl., S. 110). Am 24. Sebruar 1808 bat Goethe Bettina:„Senden Sie mir doch gelegentlich die jüdiſchen Broſchüren. Ich möchte doch ſehen, wie ſich die modernen Ifraeliten gegen die neue Stättigkeit gebärden, in der man ſie freilich als wahre Juden und ehemalige kaiſerliche Kammer⸗ knechte traktiert. Mögen Sie etwas von den chriſtlichen Erziehungsplanen bei⸗ legen, ſo ſoll auch das unſeren Dank vermehren.“(Goethes Briefe, Weimarer Ausgabe, Bd. XX, S. 22).
Bettina ſandte ihm daraufhin am 30. März 1808:„alles, was bis jetzt erſchienen, außer ein Journal, welches die Juden unter dem Namen Sulamith herausgeben. Es iſt ſehr weitläufig; begehrſt Du es, ſo ſend ich's, da die Juden es mir als ihrem Protektor und kleinen Nothelfer verehren“(Grimm S. 122). Worauf
*) Molitor trat Ende Oktober 1812 von der vollen Lehrtätigkeit zurück, erteilte aber bis Oktober 1828 noch wenige Unterrichtsſtunden.„Er hatte keine Heigung zum Dirigieren“ und trat ſchon 1809 nicht mehr in der Leitung der Schule hervor.


