Aufsatz 
Geschichte der Realschule der israelitischen Gemeinde (Philanthropin) zu Frankfurt am Main 1804-1904. Von Direktor a.D. Dr. Hermann Baerwald und Dir. Salo Adler
Entstehung
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Der Sürſt Primas und das jüdiſche philanthropin. 19

einen feſten Geſichtspunkt zu geben und ihn ſo einrichten zu können, wie es der jedesmaligen Beſtimmung des 5öoglings am angemeſſenſten wäre.

Die Vorſteher des Philanthropins waren in Sorge über den künftigen Beruf ihrer Zöglinge. Nach den dermaligen geſetzlichen Beſtimmungen waren die Juden vom Handwerk und der Induſtrie ausgeſchloſſen, es hätten alſo alle Söglinge Handelsleute werden müſſen. Das entſprach nicht ihren auf Beförderung der Kultur ihrer Glaubensgenoſſen gerichteten Beſtrebungen; ſie verlangten alſo in dieſer Sorm die Zulaſſung der Juden zur Erlernung und Ausübung des Handwerks. Das war, wie wir ſehen werden, nicht vergeblich, und ebenſo ſollte einige Jahre ſpäter der in Betreff des Schullokales ausgeſprochene Wunſch durch die Surſorge Dalbergs in reichem Maße erfüllt werden. Zunächſt freilich waren die Vorſteher mit allem auf die eigene Initiative angewieſen. Schon im April 1807 wurde eine dritte Klaſſe eingerichtet. Dem Oberlehrer Diehl, der ſich als unzulänglich erwies, wurde geküͤndigt. Keß wurde angewieſen, von früh 7 bis abends 8 Uhr das Schulhaus nicht zu verlaſſen, und endlich wurde in der Perſon des Dr. Molitor auf 3 Jahre ein Inſpektor und Oberlehrer angeſtellt, der mit Heß gemeinſchaftlich die Schule leiten ſollte.

Die Berufung lolitors war für die äußere Stellung und das Anſehen der Schule von Bedeutung. Sranz Joſeph Molitor war als Sohn eines in Kurmainziſchen Dienſten ſtehenden Beamten in dem damals Kurmainziſchen Oberurſel am 8. Juni 1779 geboren. Er empfing ſeine Schulbildung in Bingen und Mlainz, beſuchte die Univerſitäten Aſchaffenburg und Marburg und ſtudierte, obgleich ſein Vater ihn zum Juriſten beſtimmt hatte, ſeiner inneren Neigung folgend, Philoſophie und Geſchichte. Von Schelling begeiſtert und von dem Theoſophen Baader und Sriedrich Schlegel beeinflußt, war er durch mehrere philoſophiſche Schriften zu Anſehen gelangt. Bei ſeinen religionsphiloſophiſchen Studien hatte er auch in das Weſen des Judentums einzudringen verſucht; ein myſtiker, ſah er in den jüdiſchen Ceremonien eine Symbolik, deren Deutung er nachging. Dieſes und ſein Intereſſe für die Sreimaurerei brachte ihn mit Geiſenheimer in Verbindung: er trat in die Loge ein, die Geiſenheimer damals (1807) hier grüͤndete. In dem jüdiſchen Philanthropin und in der Loge glaubte er die ihm angemeſſene praktiſche Tätigkeit gefunden zu haben, die kein anderes Hiel hatte, als das Gute und die Glückſeligkeit der Menſchen zu befördern. Schon 1804 hatte er hier philoſophiſche Vorleſungen gehalten und einen Kreis von Bewunderern und Verehrern gefunden. Mit dem von Dalberg zum Leiter des Srankfurter Schulweſens eingeſetzten Geheimen Legationsrat Hlikolas Vogt war er wohl noch von ſeiner Aſchaffenburger Studienzeit her bekannt, er hatte Beziehungen zu dem Kurmainziſchen Kreiſe, der ſich hier um Dalberg ver⸗ ſammelte, und in dem Srau Rat Goethe und Bettina Brentano wiill⸗ kommene Gäſte waren.

Dieſer Mann alſo trat im Oktober 1807 neben Heß an die Spitze des Philanthropins mit einem Gehalt von fl. 400 jährlich, freier Wohnung, Heizung und Licht und übernahm den Unterricht in Moral, Hlaturgeſchichte, Geographie

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