18 Der Sürſt Primas und das jüdiſche Philanthropin.
Gelegenheit, die ſich mir darbot, das Gute, was ſie leiſten, kennen zu lernen und ſie zu überzeugen, daß nicht alle Chriſten inhuman gegen ſie geſinnt ſind. Der Zweck dieſer Anſtalt iſt ſehr achtungswert: Unterricht armer Judenkinder und Pflege, Kleidung u. ſ. w., alles unentgeltlich. Sünf jüdiſche Samilienväter ſind Vorſteher der Anſtalt, zum erſten Lehrer an derſelben, welcher das Ganze leitet, haben ſie einen Chriſten*) genommen, die übrigen Lehrer ſind Juden. Hur die Wahl des erſten iſt ſchlecht, ſehr ſchlecht ausgefallen, die anderen Männer ſind wahrlich von redlichem Eifer für das Beſte der Kinder beſeelt und wollen ihrer Nation Ehre machen. Sie zeichneten ſich in jeder Hinſicht aus, und die Knaben beſtätigten mir auch hier, daß die jüdiſche Nation voll herrlicher An⸗ lagen und Geiſteskräfte, trotz des Druckes(des Geiſtes), unter dem ſie ſeufzte, geblieben iſt. Das Intereſſe, das die Juden ſelbſt an dieſer Anſtalt nahmen, war ſehr groß, die Bereitwilligkeit der Cehrer, prüfende Bemerkungen zu horen, ausgezeichnet; die Sreude groß, die Ehre zum erſten Mal zu genießen, bei ihrem Examen einige Mitglieder des Konſiſtoriums und den fürſtlichen Schulkommiſſar zu ſehen.— Doch genug, ich erſtaune, daß mein Brief beinahe eine Abhandlung üͤber den Huſtand der Srankfurter Juden geworden iſt. Indes, ich geſtehe es, ſeit jener Reiſe nach Seeſen intereſſiert mich die mogliche Kultur und Erhebung dieſer Nation außerordentlich“**).
Bald nach der prüfung ging dem„Judenphilanthropin“ von einem „Unbekannnten chriſtlicher Religion“ durch Dr. Oppenheim ein Geſchenk von fl. 100.— zu. Simon Mloritz von Bethmann(das war der Unbekannte) erbat ſich die Subſkriptionsliſte und zeichnete für die nächſten 3 Jahre einen Jahres⸗ beitrag von gleicher Kohe. Man befand ſich in gehobener Stimmung. Bei der allgemeinen Illumination zur Huldigungsfeier des Sürſten primas erglänzte am Philanthropin ein Transparent mit der Inſchrift:„Die Söglinge des jüdiſchen Philanthropins ihrem Wohltäter“, und bei dem üblichen Stiftungsfeſte wurde nach eingeholter fürſtlicher Erlaubnis im Sitzungszimmer des Philanthropins
unter Abſingung einer Hymne und mit einer ſpäter gedruckten Seſtrede Geiſenheimers die Büſte Dalbergs aufgeſtellt. Was die Vorſteher des pPhilanthropins froh
machte, war die Gewißheit, daß die neue Regierung ſich ernſtlich um das Schulweſen kümmerte und entſchloſſen war, es vorurteilslos zu befördern. Schon Anfang Sebruar wurde von der neu eingeſetzten fürſtlichen Schulbehörde ein Bericht eingefordert: 1) über den dermaligen Beſtand der Schule und die Lehr⸗ methode, 2) über den Sonds und die Unterhaltungsmittel, 3) über das, was ferner noch verbeſſert werden kann. Die am 26. Sebruar 1807 eingereichte Antwort verweilt, nach Darlegung der uns bekannten Verhältniſſe, bei Punkt 3 und betont die ſlotwendigkeit der Anſtellung eines geeigneten Direktors, der unentgeltlichen Gewährung eines Schullokals, der Bildung einer 3. Klaſſe, und fügt noch hinzu:„Es wäre ſehr zu wünſchen, daß man für“ die austretenden armen Söglinge eine Beſtimmung feſtſetzen könnte, um dem Unterricht
*) Diehl.**) G. Kramer, KRarl Ritter, ein Lebensbild I, S. 480.
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