Der Sürſt Primas und das jüdiſche Philanthropin. 17
mußte naturgemäß am meiſten denen zu gute kommen, die unter dem Drucke mittelalterlicher Inſtitutionen am meiſten zu leiden hatten. Schon wenige Tage nach ſeinem Eintritt in Srankfurt, am 29. September 1806, ließ Dalberg durch die Stadtkanzlei bekannt machen, daß„hinfüro ſowohl der Judenſchaft als jeglichem, der ſich keines Unfuges zu ſchulden kommen läſſet, die öffentlichen Promenaden auf dem Glacis und in der Stadt offen ſtehen.“ Am 10. Oktober 1806 wurde die neue Verfaſſung Srankfurts publiziert, in welcher zum erſten Male den Reformierten volle Gleichberechtigung mit den Lutheranern und Katho⸗ liken gewährt und den Juden„Schutz gegen Beleidigung und beſchimpfende Mißhandlung“ zugeſichert wurde, und in ſeiner Huldigungs⸗Proklamation, in der er feierlich gelobte, ſein Ceben lang„ſeine Kräfte aufzubieten, um alles Üble von der Stadt abzuwenden, um Eigentum und Sicherheit der Inwohner zu ſchützen und alles Gute zu befördern“, unterließ er nicht die Erwartung aus— zuſprechen, daß„die Chriſten der Judenſchaft mit menſchenfreundlichem Wohl⸗ wollen begegnen, daß die Juden ſich dieſer Achtung durch Rechtſchaffenheit im Handeln und mit unermüdbarem Sleiße würdig bezeugen werden.“*)
Schon im Hovember 1806 überſandte er dem Vorſtande der iſraelitiſchen Gemeinde für die jüdiſchen Schulen ein Geſchenk von 200 Dukaten in Gold, wovon dem Philanthropin fl. 666.40 überwieſen wurden. Eine Deputation der Vorſteher des Philanthropins, die hierfür den Dank darbrachte, wurde von dem Sürſten freundlich empfangen und erhielt die Huſage eines regelmäßigen Jahres⸗ beitrages für die Anſtalt. Wie man nun unter dieſen Auſpizien am Ende des Jahres 1806 wiederum oöffentliche Prüfung hielt, erſchienen außer den jüdiſchen Baumeiſtern und Subſſribenten zahlreiche Mitglieder der neuen Regierung: der Leiter des Schulweſens Geheimer Legationsrat Hikolas Vogt, der Miniſter von Eberſtein, von Günderrode, von Glauburg.
Unter den bei der Prüfung Anweſenden verdient beſondere Beachtung der damalige Hauslehrer im Bethmannſchen Hauſe, der Erzieher der Hollwegſchen Söhne, ein junger Nann von 28 Jahren, der ſpäter neben Alexander von ſumboldt als Begründer der geographiſchen Wiſſenſchaft eine Sierde der deutſchen Gelehrtenwelt geworden iſt: Karl Ritter.— Im Sommer 1806, kurz vor dem Ausbruch des Krieges zwiſchen Preußen und Srankreich, hatte Ritter bei einem Beſuch in ſeiner Heimat Guedlinburg mit ſeinem Stiefvater eine auf pädagogiſche Swecke gerichtete Reiſe nach Braunſchweig unternommen, auf welcher er die Bekanntſchaft des ehrwürdigen Johann Heinrich Campe machte und die von Ifrael Jakobſohn in Seeſen gegründete Erziehungsanſtalt, die ganz nach philanthropiſchen Prinzipien eingerichtet war, mit vielem Intereſſe beſuchte. Jetzt nun nahm er Anlaß, ſeinem Vater über eine ähnliche jüdiſche Anſtalt in Srankfurt a. M. zu berichten. Er ſchrieb ihm am 2. Januar 1807:„Am 29. und 30. Dezembey war ich von den Vorſtehern eines hieſigen Judenphilanthropins zu einer öffentlichen Prüfung eingeladen, und ich benutzte mit Sreuden dieſe
*) S. Beaulieu⸗Marconnapy, Rarl von Dalberg II, 119.
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