16 Gründung des philanthropins.
laſſen durften und jeder chriſtliche Gaſſenjunge jeden ihm begegnenden Juden un⸗ geſtraft durch den Huruf„Judd mach mores“ zum Abnehmen des Hutes zwingen durfte(Kriegk, Geſchichte von Srankfurt a. M. S. 468), befand ſich jetzt außerhalb des Judenbezirks eine jüdiſche Schule, die ſich der ermunternden Ceilnahme hochſtehender, einflußreicher Männer erfreute. Und nun trat auch ein Um⸗ ſchwung der allgemeinen Verhältniſſe ein, der das fernere Gedeihen der jungen Anſtalt auf das günſtigſte beeinflußte.
II. Unter dem Fürſten Primas.
1. Der Fürſt Primas und das jüdiſche Philanthropin.
Bei allen Bedrängniſſen, denen Srankfurt ſeit dem Beginn der franzöſiſchen Revolutionskriege(1792) ausgeſetzt war, behauptete es doch bis zuletzt die reichsſtädtiſche Selbſtändigkeit; erſt mit dem Untergange des heiligen Römiſchen Reichs ging auch dieſe verloren. Am 12. Juli 1806 wurde zu Paris die Rhein⸗ bundsakte unterzeichnet: 16 deutſche Staaten traten unter Losſagung vom deutſchen Reiche zu einem Bunde unter dem Protektorate Napoleons zuſammen. Srankfurt wurde dem Reichserzkanzler und Sürſten Primas Karl von Dalberg (geb. 8. Sebruar 1744 zu Mannheim, geſt. 10. Sebruar 1817 zu Regensburg) als ſouveräner Beſitz überwieſen. Am 6. Auguſt 1806 legte Sranz II. die deutſche Kaiſerkrone nieder, am 9. September 1806 fand auf dem Römer im Kaiſerſaale die Übergabe der Stadt Srankfurt an den Pertreter des Sürſten Primas ſtatt. Am 16. September erſchien Dalberg ſelbſt in Srankfurt.
Die alte Reichsſtadt wurde ein Sürſtentum, und dort, wo bisher, unter Ausſchluß der Katholiken und Reformierten, die Ausübung der obrigkeitlichen Gewalt an das evangeliſch⸗lutheriſche Bekenntnis geknüpft war, ſollte fortan ein Katholik,„der primas und Erzbiſchof von Deutſchland“, als unumſchränkter Souverän herrſchen. Aber die allgemeine Überzeugung war, daß, bei der Un⸗ abwendbarkeit der Mediatiſierung, Srankfurt einen beſſeren Sürſten nicht hätte erhalten köͤnnen. Denn Karl von Dalberg hatte ſich längſt als der toleranteſte und aufgeklärteſte Kirchenfürſt bewährt, keine Konfeſſion hatte von dem Manne, der mit beſonderer Vorliebe den Verkehr und die freundſchaftlichen Beziehungen zu Wilhelm von Sumboldt, Goethe und Schiller pflegte, eine Hurückſetzung zu befürchten. Es war ihm voller Ernſt, bei der neuen Organiſation des Srank⸗ furter Staatsweſens alle guten Errungenſchaften der Epoche der Aufklärung und der franzöſiſchen Revolution nach und nach zur Geltung zu bringen und ins⸗ beſondere durch Sörderung des Schulweſens und aller Kulturzwecke, durch pflege der religiöſen Duldung und des Sriedens ſeine Untertanen zu beglücken. Das


