Sinleitung.
ie Gründung des jüdiſchen Philanthropins zu Srankfurt a. M. iſt ein
Ergebnis der innerhalb der hieſigen iſraelitiſchen Gemeinde, wie überall
unter den Juden Deutſchlands, um die Wende des 18. und 19. Jahr⸗ ¹hunderts hervorgetretenen Kulturbeſtrebungen.
In dem Feitalter der Aufklärung kam nach und nach unter dem Einfluß der Leibniz⸗Wolffſchen Philoſophie eine neue Weltanſchauung zum Durchbruch. Man fing an, in den Religionen das weſentliche von dem Unweſſentlichen zu unterſcheiden und betrachtete als das weſentliche nicht die Dogmen, ſondern das allen Religionen gemeinſame allgemein Menſchliche, das Sittliche und die ihnen innewohnende ſittlich veredelnde Kraft. Daraus ergab ſich die Sorderung der religiöſen Duldung. So rangen ſich die aufeinander folgenden Generationen des 18. Jahrhunderts aus der kirchlichen Gebundenheit hindurch zu menſchlicher Sreiheit; in Leſſings Nathan fanden ſie ihr Glaubensbekenntnis.
Es war nun eine wunderbare Sügung der Vorſehung, daß um die Mitte des 18. Jahrhunderts ein Mann erſchien, der nach ſeiner äußeren Erſcheinung, ſeiner religiöſen Saltung und ganzen Lebensführung durchaus ein Jude war, und in dem doch Deutſchland den edelſten Vertreter der Aufklärungsphiloſophie und einen ſeiner erſten philoſophiſchen Schriftſteller verehrte: Moſes Mendelsſohn*). An ſeinem Beiſpiele mußte man erkennen, daß die jüdiſche Religion ihre Be⸗ kKkenner nicht hindere, ſondern ſie vielmehr anſporne, nach Wahrheit und ſittlicher Vervollkommnung zu ſtreben, und daß die Liebe zum Vaterlande ein Heiligtum iſt, das in edlen Naturen durch Hurückſetzung und Rechtsverkümmerung nicht entweiht werden kann..
Zu dieſer allgemeinen Wirkſamkeit Mendelsſohns trat ſein Einfluß auf die Bildung und Erziehung ſeiner Glaubensgenoſſen. Seine Überſetzung des Pentateuchs und der Pſalmen leitete eine neue Epoche ihrer Geiſtesbildung ein. Die Juden lernten durch ſie den Wohllaut der reinen deutſchen Sprache kennen und ſchätzen; ſie bereicherten ihr Geiſtes- und Gemuüͤtsleben und erweiterten ihren Geſichtskreis durch die Lektüre deutſcher Schriftſteller und gewannen die Möglichkeit, nach und nach in den Bildungsgang der deutſchen flation einzutreten.
*) E. Zeller, öeſchichte der deutſchen Philoſophie ſeit Ceibniz, S. 333. 1*


