Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Werther.

16

für ſich voll dramatiſchen Lebens; undramatiſche Dialoge, wie in den Räubern, ſtören im Goetz nicht. Man kann faſt ſagen, im Goetz— und nicht nur in ſeiner Urform— lägen mehrere Dramen, mit demſelben Helden vor, und die wahre dramatiſche Einheit liege nur im Intri⸗ ganten, Weislingen. Nur gewiſſe allgemeine Thatſachen: Anwachſen der Handlung, Conflikt, Kata⸗ ſtrophe laſſen ſich freilich bemerken; aber das will nicht vielmehr beſagen, als daß jedes Ereignis Anfang, Mitte und Ende hat. Bezeichnend iſt noch, daß Goethe alle hiſtoriſch gegebenen Greuel der Zeit ſchon in der zweiten Redaktion zu mildern ſucht, während Schiller alle theo⸗ retiſch erdenklichen Scheuſäligkeiten häuft: die Verſtoßung eines Sohnes, die betrogene Braut, Vatermord, geplanter Brudermord, Mord der Geliebten ꝛc. Anderſeits laſſen auch die friedlich idylliſchen Scenen bei Goethe an beſſere Zeiten, bei Schiller nur an den gewiſſen Untergang alles Schönen glauben(Räuber an der Donau). Bei Schiller iſt auch alles in den Superlativ gerückt: das feindliche Freundespaar wird zum feindlichen Brüderpaar u. dgl. m. Die Charaktere, bei Schiller zu gedacht, ſind bei Goethe wahrer, glaublicher. Die Sprache beider iſt volks⸗ tümlich und vielfach von bibliſcher Färbung.—

Dann ſogleich Goethes folgendes Werk, Werthers Briefe, zeigen eine ganz andre Grund⸗ ſtimmung, die andre Seite in dem Januskopf der Genieperiode: nicht das erobernde, kraftvoll ſich durchſetzende Menſchenkind, ſondern das entſagende, wie es hungrig wegtritt vom Tiſch des Lebens. Dieſe ergreifenden Gegenſätze, die bei Goethe immer unvereinbar nebeneinander liegen— er negiert und ignoriert ſpäter grundſätzlich das Leid— werden in Schillers Philoſophie ſchließlich bekanntlich geeint: der Menſch entſagt freiwillig dem unbeſchränkten Genuß, und ſeine höhere Würde gewinnt er in der Selbſtverneinung.(„Das Erhabene“). Dies iſt denn eine Moral, die von Werther freilich himmelfern iſt.— Den guten Wahrheiten, die man in den Litteraturgeſchichten über dieſe herrliche Schöpfung findet, darin Goethe den Deutſchen die äußere Natur neuentdeckt hat und die Wonne des Leids, möchte ich nur den Hinweis auf die Frucht⸗ barkeit eines Vergleichs mit den letzten Briefen des Jacobo Ortiz von Ugo Foscolo zugeſellen. (Schönes Aufſatzthema!) Es läßt ſich hier 1. das Unrecht der Foscoloſchen Behauptung, er ſei von Werther unabhängig, ſehr lehrreich darthun; 2. die abweichende italieniſche Art und Empfindungsweiſe nirgends beſtimmter erkennen als an dieſem Paradigma: nicht nur an Stilet und Piſtole, an fanatiſchem Patriotismus und vaterlandsloſem Sinne, ſondern vor allem in der doch verſchiedenen Naturbetrachtung und Liebesempfindung. Foscolos Nachahmung geht ſonſt bis ins einzelſte und veranlaßt ein gutes Studium. Die Darſtellung von Werthers Ent⸗ ſtehung, welche die Autobiographie gibt, iſt aus den Briefen an Keſtner zu korrigieren, Goethe aber gegen den falſchen Einwurf Napoleons von der Doppelheit der Motive in Schutz zu nehmen, ob er ihn gleich hinnahm, während er Napoleons Verkennung Schillers, gleichfalls zu Erfurt, nicht unerwidert ließ. Daß der Dialog„Wanderer“echt Wertherſche Geiſtesart hat, ſeine einzelnen Teile ſich faſt aus dem Werther componieren ließen, macht ſeine Lektüre hinter dem erſten Teile der Briefe ſehr wertvoll. Wenn man dagegen bei Schiller ein ſachliches Seitenſtück zu Werthers Leiden ſucht, ſo wären es etwa nur die„Ideale“, denen der große Herr von Stein ein ſo merkwürdiges Zeugnis gab: in einem Frankfurter Stammbuch bezeichnet er es als ſein Lieblingsgedicht und begleitet es mit tiefempfundener Beſtätigung.

wahrlich keinen Faden in den„Räubern“, der dran erinnerte, daß es eine antike Welt je gegeben. Antik iſt ohnehin ein gefährliches Sammelwort, mit dem mancher Unfug getrieben wird. Z. B. Plutarchs Einfluß auf den jungen Schiller hat mit dem äſthetiſchen des Sophokles und Ariſtotetes auf den gereiften rein nichts zu thun. Statt des für jede ſchlimme quaternio terminorum offenen Sammelworts nenne man die einzelnen Richtungen, die maßgebenden Einzelautoren der Antike, jeden suo loco.