Aufsatz 
Immanente Parallelbehandlung des Goethe- und Schiller-Stoffes in Oberprima / Ludwig Schaedel
Entstehung
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ſich ſehr verſchieden äußert, hat Goethe in ſeinem klaſſiſchen Ausſpruch gegen Eckermann her⸗ vorgehoben. Immer beſtimmter, immer praktiſcher(Tell!) ſozuſagen wird ſie formuliert, und früh, in den Räubern ſchreit ſie noch wild heraus gegen alle und alles. Goethe aber proteſtiert bekanntlich überall gegen ihn beherrſchende Ideen, mit denſelben Worten zum Taſſo, wie zum Fauſt: es iſt immer ein Ereignis, eine Perſon, die ihn feſſelt und zu poetiſcher Erfaſſung zwingt. So wäre es auch unrichtig von einer klaren Freiheitsidee im Goetz zu reden, wenn auch die„Freiheit“ ſein letztes Wort ſein wollte. Welche Freiheit denn? Eher kann man das Altdeutſche, Volkstümliche, die ganze Lebensart jenes rauh natürlichen, ungeſchminkten Daſeins in die Mitte ſtellen. Aber was hat der Dichter nicht aus der Elendigkeit dieſer arm⸗ ſeligen und hausbackenen Selbſtbiographie des alten Strauchritters gemacht!—

Schon in ihren beiden erſten Dramen zeigen die Dichter übrigens vollkommen den Gegenſatz des naiven und ſentimentaliſchen Dichters, des naiven, den die Sache ganz beſchlägt, und deſſen, den ein Satz, ein demonstrandum beherrſcht. Man male ſich aber auch das damalige Heimweſen der beiden Dichtenden aus: hier die Schweſter Cornelia in der warmen Winterſtube friedlich neben dem ſchreibenden Bruder, mit dem Strickſtrumpf, von deſſen Faden Goethe ſeinen neuen Lieblingsbegriff der„Ent⸗wicklung“ abſah, und dort wilde, unzufriedene Genoſſen im keckſten Jugendalter, wie ſie Laube in den Carlsſchülern geſchildert. Schon dieſe Lage beider erklärt die epiſch behagliche Darſtellung im„Goetz“ und die leidenſchaftlich erbrauſende in den„Räubern“. Dazu kommt, daß jeder hiſtoriſch gegebene Stoff zur Mäßigung zwingt, während der frei imaginative jedem Druck des Dichters weichend nachgibt. Auch zeigt„Goetz“ die ganzen breiten Maſſen eines Volks in größer geſchwungenen Wogen bewegt, während in den „Räubern“, auf engem Raum, eine ungezügelte Individualität die„tollſten Sprünge“ wagen kann, und die eigne Freiheit erſt in der Tyrannei gegen alle andren ſich vollenden ſieht. Und doch geht von den„Räubern“ noch immer eine ſtarke Wirkung auch auf eine tüchtige Jugend aus: Der unendliche Idealismus, der alles Äußere meiſtert und verachtet, die herrliche Freiheit des großen Charakters, das Übermenſchliche hat etwas Berauſchendes. Beide Helden ſind edle Kraftnaturen, Erlöſer der Armen und Gedrückten, von des Guten Überfülle verleitet auf falſche Bahn, aber beide ſchließlich bewährt in der Verirrung und Verkennung; dies gleiche Thema hat Goethe in forte, Schiller als der ſpätere, in fortissimo dargeſtellt. Das ungeheue Über⸗ gewicht dieſer Einzelperſönlichkeit, des Goetz und K. Moor, iſt überhaupt die beſte dramatiſche Mitgift, die die Dichter ihren Werken geben. Indeß hat Goetz doch vielmehr Epiſoden und Behäng, auch in der jetzigen Redaktion; die Räuber ſind geſchloſſener, ſtraffer gebaut, enthalten ſchon, wie neuerdings allſeitig anerkannt iſt, den vollgültigen Meiſterbrief Schillers zum Tragödiendichter. An Goetz dagegen den Aufbau des Dramas— nach Freytags„Technik“— darlegen zu wollen, wie es auf Schulen thatſächlich geſchieht, halte ich für ein ſchlechthin aben⸗ teuerliches Unternehmen. Außer in der Expoſition waltet im„Goetz“ die vollſte dramaturgiſche Harmloſigkeit, friſcheſte Epik; Scenen werden oft wahllos an Scenen gereiht, oder gar wie die Scene über die Autobiographie einfach aufgepfropft. Es iſt nicht zu verkennen, daß der orthodoxe Dramaturg Leſſing über den Goetz jenen Ausſpruch gethan hat:„er füllt Därme mit Sand und verkauft ſie für Stricke. Wer? Etwa der Dichter, der den Lebenslauf eines Mannes in Dialoge bringt, und das Ding für ein Drama ausſchreit¹)“. Und dennoch iſt jede Scene

¹) Wie wunderliche Urteile oft auch unterrichtete Männer fällen können, zeigt Boxbergers Außerung in der Kürſchner⸗Ausg. von Schillers Gedichten(I, 278 A.).„Die ſtürmiſche Begeiſterung für antikes Leben und antike Weltanſchauung(I!), wie ſie aus den Räubern dithyrambiſch lodert“— die Räuber und antik!? Vielleicht, weil Brutus und Hektor darin vorkommen? Sonſt wüßte ich