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Trendelenburg auf der Höhe ſeiner Vorträge über Philo⸗ ſophie und verwandte Disciplinen. Dieſen Profeſſoren, die bereits„ausruhen von ihrer Arbeit“, habe ich insbeſondere ein überaus dankbares Herz bewahrt.— Nach der Studienzeit wurden die beiden theologiſchen Examina vor dem Königlichen Conſiſtorium zu Berlin in angemeſſener Zeit, und zwiſchen dieſen beiden Examina die Prüfung pro schola et rectoratu auf dem Königl. Seminar zu Pr. Friedland unter dem Vorſitze des Geh. Ober⸗Regierungsrats Dr. Bock beſtanden.
Auf Grund der erlangten Zeugniſſe war mir, dem jungen Manne, bereits die Tür zu zwei verſchiedenen Berufsarten ge⸗ öffnet. Indeſſen, es ſollte ein dritter Beruf ſein, dem ich mein Leben zu weihen hatte.
Schon als Student genoß ich die Ehre des ſteten freien Zutritts in das hochangeſehene Haus des General⸗Schul⸗Inſpectors von Preußen, Geh. Regierungsrates Sägert. Preußens Taub⸗ ſtummen⸗Anſtalten waren der Obhut dieſes genialen Mannes anvertraut. Indem Sägert mich für die Taubſtummenſache zu intereſſiren wußte, entſchloß ich mich— wider die Einreden meiner Freunde, welche mich für die Kanzel berufen glaubten — den neuen Beruf zu verſuchen. Der Cultusminiſter von Preußen gewährte mir ein Stipendium von 300 Thalern jährlich und ſo trat ich denn am 1. April 1871 behufs„höherer Aus⸗ bildung zum Taubſtummenfache“ als Stipendiat in die Königl. Taubſtummen⸗Anſtalt zu Berlin ein. Es fand gerade die Auf⸗ nahme neuer Zöglinge ſtatt,— in einer Taubſtummen⸗Anſtalt eine Aufnahme!— Nicht ſchildern, nur fühlen kann man, wie ſich hier der Menſchheit ganzer Jammer gerade dem Neuling offenbart.—
Es war ein ſchwerer Schritt, aus den Hörſälen der Uni⸗ verſität— vor eine Schaar von etwa 15 kleinen Taubſtummen zu treten. Allein die friſchen, munteren Geſichter der Kleinen beruhigten bald und als bei einzelnen Befähigten ſchon in der erſten Woche helle artikulirte Laute erſchallten, da überwog die Freude des Erfolges alle anderen Bedenken und ich gewann den neuen Beruf lieb.


