Aufsatz 
Die Grundsätze und Mittel der Wortbildung bei Tertullian : Fortsetzung / von G. R. Hauschild
Einzelbild herunterladen

44

(Fug. 11). Daher kann ein Ausspruch, der in fleischlichem Sinne(carnaliter NB.) zugelassen wird, doch auch seine Bedeutung für die geistliche(spiritualis NB.?) Zucht haben(Or. 6). Der locus classicus für Tertullian's Deutung der Parabeln ist De Pud. 7 ff. Dort wird u. a. gefragt, mit wem das verlorene Schaf aus Luc. 15, 4 ff. in Parallele stehe(collineet, Bedeutungswechsell), mit wem der Herr die Wiederauffindung desselben figürlich zusammengestellt habe(cui configurasse credendus est, mit Bedeutungswechsel von configurare!), ob damit schon auf den christlichen Sünder bildlich hingedeutet würde(in Christianum defingerentur, Bed.-Wechs!). Antwort: Das Gleichnis passt nicht auf den Christen(non competit, convenit, spectat in Chr.), wird auf ihn nur gezwungen gedeutet(in Chr. coguntur). De Pud. 8 warnt er davor, um einiger für den Augenblick zusammenstimmender Bilder von gleichem Ton(quibus- dam ad praesens concolorantibus NB. figuris) willen abzuweichen(exorbitare NB.) von der wahren Deutung der Zusammenstellung(comparationis), welche ein Zurückgehen auf den Grund- stoff der Parabel erkennen lässt. So kann im Gleichnis vom verlorenen Sohn der ältere Sohn nicht das Judenvolk sein, denn von dem, was im Gleichnis über jenen gesagt wird, würde auf dieses nur das Moment des höheren Alters passen.»Wenn ich aber zeige, dass der Jude nicht passt zur Vergleichung(comparatio) mit dem ältern Sohne, so kann auch der Christ nicht zugelassen werden zur figürlichen Zusammenstellung(configuratio NB.) mit dem jüngeren Sohne! Denn wenn auch einiges stimmt, so wird doch dadurch, dass anderes einen entgegen- gesetzten Sinn hat(aliis contra sapientibus) die völlige Uebereinstimmung(peraequatio und adaequatio, beides NB.) der Beispiele aufgehoben. Wie aber die Gedankenreihe nicht auf den Christen passt(convenit in), so deckt sich das Bild auch nicht vollständig(integre) mit dem Juden(concurrit in). Wenn Christus also etwas anderes mit diesen Gestalten hat darstellen(figurare) und bezeichnen(signare) wollen, so muss die Deutung des Gleichnisses darauf ausgehen, dem Grundgedanken(materia) der Parabel und der inneren Uebereinstim- mung der(auf beiden Seiten) dargestellten Verhältnisse(congruentia rerum) sich möglichst anzupassen. Eine wie genaue Uebereinstimmung der Glieder Tertullian für Deutung solcher Parabeln, denen das zu illustrierende Glied fehlt, verlangt, geht aus dem Bilde vom Spiegel hervor, welches er bei diesen Gelegenheiten anwendet(ad speculum respondent omnia, Pud. 8; adversus speculum parabolae Marc. 4, 31): wie das Bild im Spiegel den davor Stehenden, so genau soll die eine Seite der Parabel die andere wiederzugeben versuchen: was er conspiratio parabolae, congruentia parabolarum u. s. w. nennt. Zum Glück brauchen wir die Deutung bei vielen Parabeln nicht erst zu suchen, da manche vom Herrn schon ausführlich erörtert worden sind(edisseratus NB.), wie das vom Säemann, andere von dem Urheber(commentator) des Evangeliums schon vorweg ins rechte Licht gesetzt(praeluminatus NB.) sind, wie das von dem der drängenden Bitte weichenden Richter, bei andern endlich die Deutung leicht zu erschliessen ist(conjectandus), wie das vom Feigenbaum in Bezug auf Israel's Unfruchtbarkeit (infructuositas NB.).

Aus diesem fortwährenden Drängen auf eine im Begriffe der Parabel liegende Vergleich- barkeit zweier Glieder geht aber hervor, dass Tertullian parabola wohl mit allegoria und aenigma (K. o.), mit exemplum(Or. 9), mit figura(Carn. 8 und Marc. 5, 6), mit similitudo(s. o. und Marc. 4, 29) zusammenstellen, auch durch diese Wörter wohl einmal ersetzen lassen konnte, aber nicht mit proverbium; denn zu dessen Begriffsbestimmung ist das Merkmal der Vergleich- barkeit nicht unbedingtes Erfordernis. Daher kommt es, dass Tertullian, trotzdem die LXX ausser