Aufsatz 
Die Grundsätze und Mittel der Wortbildung bei Tertullian : Fortsetzung / von G. R. Hauschild
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und hypogeum) schuldig gemacht haben soll, aufgedeckt und zurückgewiesen hat, bekämpft er im 29. Capitel das platonische Gesetz der Gegensätze(contrarietates NB.) von allgemein philo- sophischen Gesichtspunkten aus, um es im 30. Capitel von rein sachlichen und äusseren Gründen aus als unhaltbar hinzustellen. Denn, sagt er, wenn so etwas möglich wäre, hätte es immer durchaus bei derselben Anzahl aller Menschen bleiben müssen, nämlich bei der, welche zuerst ins Leben eingegangen wäre u. s. w.»Wir finden aber bei den Geschichtschreibern des Alter- tums, dass das Menschengeschlecht allmählich immer mehr sich vermehrt habe(exuberasse), indem Ureinwohner entweder als Wanderlustige oder als Vertriebene oder als Ruhmsüchtige Länder in Besitz nehmen, wie z. B. Phrygier Italien, Phönicier Afrika, indem ferner behufs Entlastung der Bevölkerung regelmässig wiederkehrende Wanderzüge die Schwärme eines Volksstammes auf andere Länder auswerfen. ¹¹⁴) Was Tertullian mit den sollemnes migrationes meint, ist klar: er denkt an das ver sacrum, an Erscheinungen, wie sie Justin berichtet ¹¹⁵) und ähnliche. Auch dass er dergleichen geschichtliche Erscheinungen mit migrationes bezeichnet, ist nicht auffällig; denn migratio kommt in der Bedeutung des»Zieheus von einem Ort zum andern« auch bei Cicero und Livius vor. Aber, dass er dieses Wort als Aequivalent von ueroinla bezeichnet, ist auffällig, weshalb denn auch Rigaltius dmoκdο zu lesen vorschlägt; denn drτατα,»die Absiedelung und Niederlassung an einem andern Orte«, würde durch migratio wiederzugeben sein, wogegen geroixta eigentlich nur»das Mitwohnen an einem Orte als Schutz- verwandter oder Markgenosse« bezeichnen soll. Wenn Stephanus letzteres Wort mit»Incolatus, Incolam esse« wiedergiebt, so ist zu bemerken, dass incolatus gerade bei Tertullian erst auftritt als eine Neubildung, die auf seiner juristischen Vergangenheit basieren mag, wie aus der Be- nutzung dieses Wortes in den Digesten des med. III. saec. lebenden Herennius Modestinus her- vorgeht. Und zwar kommt es bei Tertullian meist in Verbindung mit einem Genetiv vor, der zunächst ein subjectiver ist, wie z. B. spiritus sancti: das Fleisch Christi ist wahrhaft heilig durch die Einwohnung des H. G., R. C. 26; hominum: der Einwohnung der Menschen (Bewohnung durch M.) hat allzugrosse Hitze oder Kälte manche Teile der Erde versagt. ¹1⁸) Indem aber hier das Synonymon habitatio mundi darauf hinweist, mundi auch zu incolatui(dem Wohnen der M. auf u. s. w.) zu beziehen, bietet dasselbe den Uebergang zu dem Gebrauche von incolatus auch mit einem objectiven Genitive, wie z. B. aöris: die Dämonen haben durch Be- wohnung der Luft(dadurch, dass sie die L. bew.) Fühlung mit dem Himmel, Apol. 22; inferüm: die Magie verspricht abgeschiedne Seelen von ihrer Bewohnung der Unterwelt(davon, dass sie die U. bewohnen müssen) zu befreien, An. 57; operationis: Gott hat das Fleisch zum Bewohnen, Geniessen, Beherrschen seiner Schöpfung(dazu, dass er die Sch. bew.) bestimmt. ¹¹⁶) Dass inco- latus für αοαια stehe, wie Roensch meint, ¹¹⁷) vermag ich nicht anzunehmen, wenn auch die Vulgata einmal αeσοσσπεα durch incolatus(I. Petr. 1, 17) und αονινzev durch incolam esse

¹14) An. 30: dum sollemnes etiam migrationes quas uerollas vocant, consilio exonerandae popularitatis in alios fines examina gentis eructant. 5

115) Hist. 24, 4: Namque Galli, abundante multitudine, cum eos non caperent terrae quae genuerant, trecenta millia hominum ad sedes novas quaerendas, veluti ver sacrum, miserunt.

116) Nat. 2, 5: elementorum temperamento, quo habitatio ista mundi circulorum conditionibus foederata praestatur, nisi quod hominum incolatui denegavit enormitas frigoris et caloris.

¹n) Neues Testament Tertullian's S. 720: Ganz denselben Sinn, wie das griechische πα.σιαzτα,

drückt incolatus aus, insofern es den Aufenthalt an einem Orte bezeichnet, dessen Bürgerrecht man nicht besitzt.