— 33—
haben, so zeigt sich dasselbe bei substantivus, wenn wir auf die verschiedenen Bedeutungen desselben bei Tertullian eingehen. Denn hiernach bezeichnet— ivus in substantivus weder»den Verbalbegriff als eine mögliche Eigenschaft«, noch»drückt es die Fähigkeit und Geneigtheit zu der im Verb enthaltenen Thätigkeit(?) aus,« sondern substantivus heisst nur»nach Art und Weise einer Substanz«,»mit den Merkmalen einer Substanz versehen«,»die Beschaffenheit und Zuständlichkeit einer Substanz enthaltend«. ¹⁰³)
Es kann also substantivus nur ebenso mittelbar auf den Participialstamm des Präsens zurückgeführt werden, wie das im Griechischen dafür zu supponierende ouο. Denn wie dieses zunächst nur auf oöola basiert, so kann auch substantivus zunächst nur von substantia abgeleitet werden. Dass substantivus aber dem vorauszusetzenden ouνασσς entspricht, geht aus der tertul- lianischen Weiterbildung dieser Neubildung, nämlich dem öfter gebrauchten consubstantivus hervor, welches sich durchaus mit dem griechischen öνιοονοσισα deckt. Freilich haben diese Formen auch als nominale Ableitungen noch ihre Schwierigkeit; denn es ist mir unter den vortertullianischen Bildungen auf— ivus keine aufgefallen, die von einem auf— utia endigenden Substantiv abgeleitet wäre. Wenn man also nicht die directe Ableitung dieser Bildungen von präsentischen Participialstummen annehmen will, so würde Tertullian für dieselben nur insofern entschuldigt werden können, als er die Möglichkeit der Verbindung von— ivus mit Substantiven auch auf die erste Declination ausdehnen, und nicht nur auf die zweite und dritte beschränkt sein lassen wollte(vgl. Anm. 100). Mögen wir aber der einen oder der anderen Ableitung folgen, so würden, wenn anders meine Sammlungen richtige und vollständige sind, diese Bildungen ein zweites Beispiel(s. o.) dafür bieten, dass Tertullian in der That die bis dahin gesteckten Grenzen der lateinischen Wortbildung überschritt und, bei dem Einfluss des Kirchenlateins auf den Wörterschatz der»lingua romana«, dieser damit einen weiteren Anstoss gab, sich neuer Bildungsmittel zu bedienen. ¹⁰⁴)
Wenn ich nun auch concupiscentivum auf ein solches Substantiv auf— ntia zurückführe, so werden wir fragen müssen: war ein solches schon ebenso da, wie das ciceronianische distantia zu distantivus, das quintilianische u. s. w. substantia zu substantivus? Wir müssen diese Frage insofern verneinen, als concupiscentia selbst uns erst bei Tertullian entgegentritt; bejahen aber insofern, als das örtliche Auftreten dieser Neubildung in Tertullian's Schriften uns ahnen lässt, dass sie schon vor Tertullian in uns nicht mehr zugänglichen Schriftwerken der christ- lichen Urzeit gebraucht worden ist. Es findet sich nämlich concupiscentia bei Tertullian sehr oft entweder in directen Bibelcitaten, oder in Stellen, die sich erläuternd und besprechend an dieselben anlehnen oder wenigstens die Kenntnis derselben voraussetzen.
So ist concupiscentia gleich&xiνεεα 1. als»Lust und Begehrlichkeit« im allgemeinen in der Uebersetzung aus Eph. 4, 22: veterem hominem qui corrumpitur per concupiscentiam
103) Bezüglich der tertulianischen Bedeutung von substantia selbst und den daraus sich entwickelnden besonderen Bedeutungsunterschieden von substantivus muss ich vorderhand auf das S. 25 meiner R P T. An- gedeutete verweisen. So viel steht mir fest, dass substantivus die Bedeutung»selbständig, für sich allein bestehen könnend«, wie sie Georges gerade für Tertullian aufstellt, bei diesem nur mittelbarer und bedingter Weise haben kann. Für letzteres spricht nur der Gegensatz accidens, bez. conceptivus, eine andere Bedeutung aber muss substantivus noch als Synonymon von corporalis, bez. corpulentus beanspruchen können.
¹⁰4) Könnte z. B. das bei Metzner(Französische Grammatik ², S. 26), unter den von Nennwörtern abgeleiteten französischen Neubildungen auf—if stehende craintif nicht ebenso gut auf ein trementivus zurück- geführt werden, wie auf crainte? 3
5


