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Pädagogium in Gießen teils der uralten ſchlechten Einrichtung, teils aber auch mancher ſchlechter Subjektorum wegen, womit ſelbiges leit geraumer Zeit beletzt gewelen, beynahe in einen gäntzlichen Verfall und Abnahme gerathen“. Zur Begründung dieſes Satzes wird hingewieſen auf ſchlechte Leiftungen der Schüler und auf die Tatlache, daß vornehme Perlonen in der Stadt und Pfarrer und Beamte auf dem Lande ihre Kinder durch Hauslehrer unterrichten laſſen oder mit großen Unkoſten außer Landes in fremde Schulen ſchicken.
Die Regierung forderte nun Berichte von den Konſiftorien zu Gießen und Darmſtadt ein, von dem Pädagogiarchen und den Pädagoglehrern, endlich von allen Profeſſoren der philoſophiſchen Fakultät. Dieſe z. T. recht umfangreichen Berichte ſind noch vorhanden, aber die darin enthaltenen Anlichten über den Zuſtand des Pädagogs widerſprechen lich derart, daß es heute für uns nicht mehr möglich iſt, mit Sicherheit ein Urteil zu fällen. Wenn man aber bedenkt, daß damals alle Welt mit pädagogiſchen Reformgedanken beſchäftigt war— es war ja die Zeit Rouffeaus und der Philanthropiniſten— ſo iſt es wohl begreiflich, daß vielen die Einrichtungen des Pädagogiums und das Lehrverfahren, woran leit einem Menſchenalter nichts Weſentliches mehr geändert worden war, veraltet vorkommen mochten. So wird man 2z. B. eine berechtigte Klage darin finden dürfen, wenn ein Darmſtädter Konſiftorialbedenken vom 20. Januar 1774 über die große Zahl der damals im Lehrplan vor- gelchriebenen lateiniſchen Schriftfteller ausführt:„Es ſcheint aus ihnen nicht undeutlich zu erhellen, daß allzuviel Zeit auf die Latinität, belonders auch auf die Verfertigung lateinilcher Poelien, worzu doch mancher nicht die geringfte Anlage hat, verwendet wird. Man darf nur den Catalogum lectionum anlehen, lo wird man finden, daß die meifte Zeit damit zugebracht wird, um dem Gedächtniß das lateiniſche einzukeuſen. Ob aber Schüler durch ein ewiges Phrales- maclien und immerwährendes Einerley munter und lehr- begierig erhalten oder vielmehr verdroſſen, faul, Ichläfrich gemacht werden, überläßt man höherer Einſicht“. Ferner
Gymnalium in der beginnenden Aufklärungszeit 1769“, Mitteilungen der Geſellſchaft für deutfche Erzienungs- und Schulgeſchichte, Jahrg. XII. Berlin 1902, S. 57— 74.
1¹ Vyl. die Lektionskataloge von 1769 und 1773 bei Diehl I, 274 ff. und 280 ff.


