vornehmſte Mann im ganzen Oberfürſtentum Helſen, als erſter Profefſor und Generalſuperintendent. Er galt dabei für den heiligſten Mann im ganzen Lande. Denn wenn die Bet- glocke zum Vater-Unſer kommandierte: lo war er gewöhn- lich auf der Gaſſe(das wußte er ſo einzurichten) und blieb beim erften Anſchlage, wie vom Blitze gerührt ftehen; hielt mit großer Devotion ſeinen Hut vor's Geſicht und betete— wenigltens vier Minuten lang an ſeinem Vater-Unſer. Endlich, was das wichtigſte war, er hatte ſeit beinahe 50 Jahren in Gießen als Profefſor geſtanden, hatte.... Gott weiß wie viele, tot geärgert, hatte lich im ganzen Lande Anſehen und Furcht erworben, hatte überall, in allen Kollegiis, in allen Aemtern, auf allen Pfarreien Schüler litzen, die ihn noch von ihren Studentenjahren her vergötterten“.
Durch die letztere Angabe verrät allerdings Bahrdt unwillkürlich, wie einſeitig ſeine Schilderung der Perſönlich- keit Benners ilt.¹
Einſeitig und übelwollend war wohl auch die Depena anonyme Anklageſchrift, die im Januar 1769
von Wetzlar aus an die landgräfliche Kanzlei gelangt war.? Es hieß darin, daß„das Hochfürſtliche
1 Mit Hohn ſpricht er auch von Benners Tätigkeit als Prediger. „Zu Gießen— erzählte er— ſo wie im ganzen Umkreilſe, war nicht ein einziger erträglicher Prediger zu hören und zu lehen. Der D. Benner ſelbſt krähte wie ein Hahn, und ſchüttelte alles aus dem Aermel, weil's für die Gießer, wie er meinte, gut genug war“. Mit großer Selbſtgefälligkeit berichtet er aber auch, welch'„ltarke Ein- drücke“ er durch ſeine eigene Antrittspredigt hervorrief,„da ich einen lichtvollen, und zugleich rührenden Vortrag mit einer wenigftens angemeſſenen und richtigen Aktion begleitete“.„Dieſe Predigt“, ſo fährt er fort,„war wirklich ein Nagel zu dem Bennerſchen Sarge. Denn ſie hat ihn ſo geärgert, da er hörte, daß alles Volk für mich eingenommen war, daß er viele Tage lang einen Durchlauf bekam, welcher bei ihm gewöhnlich auf Aergernis zu erfolgen pflegte, und den ich in den vier jJahren, die ich in Gießen zubrachte, oft genug habe verurfachen mülffen“.
Benner dagegen hat, als Bahrdt im Mai 1757 Gießen verließ, einen langen Erguß in das Dekanatsbuch der theologiſchen Fakultät geſchrieben, der mit den Worten beginnt:„Hoc mense divina nos clementia a Bardtio liberavit“, und der ſchließt mit den Worten, die Cicero auf Catilinas Abreiſe aus Rom anwendet:„abiit... excessit, evasit, erupit, virulenta semina et dedecoris haud parum reliquit“. Darauf folgt noch ein giftiges lateiniſches Gedicht über Bahrdts Lebenswandel in Gießen. Vgl. Drews, a a. O., 49 f.
2 Der Anonymus unterzeichnete ſich mit dem griechilchen Wort „Deina“(= ein gewilſer). Ueber die ganze Angelegenheit vgl. Ludw. Schädel,„Die Deina-Kämpfe, ein Streit um das Gießener


