Aufsatz 
Geschichte des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums zu Giessen / von August Messer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

33

eingetreten lein. Das iſt z. B. zu ſchließen aus der Schilderung, die der Minilter Ludwigs IX., Friedrich Karl von Moſer (1772 1780) von den an ihr herrſchenden Verhältniflen entwirfti:Der Kirchenrath Benner zu Gießen war ſeit einer langen Reyhe von Jahren als Pädagogiarch die Haupt- triebfeder, wodurch das Gießener Pädagogium ſich bewegte, und die Machine blieb in ungeltörtem Gang, lo lang die Lehrer, die am Gymnaſio arbeiteten, allein in der Bennerſchen Schule gebildet wurden, und einförmig mit ihrem Meilter dachten und arbeiteten. Sobald aber jüngere Profelſoren, die ihre Wilſenſchaften nach dem kürzeren Zuſchnitt um ein halbes Säculum ſpäter erlernt hatten, nach Gießen kamen, ſo mußten die alten und bennerſchen Anltalten die bitterſten Vorwürfe leiden, Lehrbücher, Methode, Unter- weilungs Art, äußerliche Zucht, Mittel, Ablichten, alles wurde verwerflich und als ſchädlich und verderblich abgeſchildert. Diele neue Sprache war dem alten Kirchen Rath fremd und höchft empfindlich, er ließ ſich durch keinen Wiederſpruch irre machen, als ein Mann, der nach der Wolfiſchen Schule unterrichtet und gebildet ilt, worinnen bekanntlich alles, es mag wahr oder nicht wahr ſeyn, auf eine unüberwind- liche Weiße bewießen werden kann.

DieAufklärung pochte eben immer ungeltümer an den Pforten der Schulen und Univerſitäten. Mochte Benner auch in ſeinen jüngeren Jahnren die rationaliſtilche Philofophie Chriſtian Wolffs kennen gelernt haben, zumAufklärer hatte ſie ihn jedenfalls nicht gemacht, und daß ſein ganzer Bildungsgang und ſein Berufsleben lich lediglich in Gießen abſpielte, mochte auch nicht gerade zu einer beſonderen Erweiterung leines Interellen- und Ideenkreiles beigetragen haben.² In religiös-kirchlichen Dingen war er ſtreng konler- vativ. Er repräſentiert recht eigentlich die nach dem Nieder- gang des Pietismus neu erſtarkte lutherilche Orthodoxie, die mit ihm um 1730 auf mehr als ein Menſchenalter nochmals an der Univerſität, beſonders in der theologiſchen Fakultät, zur Herrſchaft gelangt war. Es war ihm im Laufe der Zeit gelungen eine geradezu dominierende Stellung an der Hochſchule einzunehmen, lich auch ein für die damalige Zeit ſehr beträchtliches Vermögen von etwa 100 000 Gulden

¹ Diehl II, 114.

2 Paul Drews,Das Eindringen der Aufklärung in der Univerſität Gießen, Preußiſche Jahrbücher Bd. 130, 1907, 1. Halbjahr, 25 f.