— 28—
Er ſetzte dies freilich nicht durch, erft béi der Pädagogreform von 1775 wurde dieſer Kirchgang beſeitigt. Die pietiſtiſche Abneigung gegen das Spielen als weltliche Luftbarkeit kann man darin erkennen, daß er verlangt, die im Lehrplan von 1629 angelſetzten Nachmittagsſtunden Mittwochs und Sams- tags ſollten wirklich gehalten und nicht zum Spielen frei- gegeben werden, wie das Brauch geworden war.
Aber auch mit dieſer Forderung hatte er keinen Erfolg. Bezeichnender Weiſe widerſpricht ihm gerade der Mann, der auch ſpäter der Hauptvertreter der Orthodoxie im Kampf gegen den Pietismus geweſen iſt: Profeſſor Hanneken. Er erklärt:„Sine fabis et lusu non emergit tacile ad altiora pueritia, den Mittwoöchen und Sonnabend könte man ihnen woll gönnen, damit kein taedium entſteht“.: Wenn wir uns ſchließlich erinnern, daß der Pietismus den ſcholaftiſchen Theologiebetrieb der Orthodoxie durch ein gründliches Bibelſtudium zu verdrängen ſuchte, ſo zeigt ſich endlich auch darin Rudrauff als Pietiſt vor dem Pietismus, daß er die Aufnahme des hebräiſchen Unterrichts(mit 1 Wochen- ſtunde von Tertia bis Prima) durchſetzte. ³
Was lſich unter Rudrauff anbahnt, ſetzt ſich unter ſeinem Nachfolger, dem Theologieprofeſſor Johann Heinrich May dem Aelteren(1691— 1719) fort. Er ift der anerkannte Führer der Pietilten und durch ihn wird die Herrſchaft der lutheriſchen Orthodoxie, die ſeit der Gründung der Hochſchule beltanden hatte, gebrochen. Von den heftigen Kämpfen, die damals die Univerſität und die Bürgerſchaft entzweiten, ſcheint aller- dings das Pädagogium ſelbſt weniger berührt worden zu ſein. Einen Ausfluß des ſtrengen und arbeitsſamen pietiltilchen Geiſtes kann man darin erblicken, daß May lich 1693 von dem Landgrafen die Vollmacht auswirkte,„die eingerillene Langwührigkeit der Ferien post examina Gymnastica zu 4 biß 5 Wochen auf 14 Tage einzulchränken“.4
Unter Mays gleichnamigem Sohne, der von 1716 an gemeinſam mit dem Vater, dann nach deſſen Tode? von 1729 bis 1732 allein das Pädagog leitete, erfolgen tiefer
1 Diehl II, 81, 252 f., 319 und I, 311.
² Diehl II, 220 und Köhler. Feftſchrift II, 149. 3 Diehl II, 84, 175.
4 Diehl II, 106.
5 Die guterhaltenen ttattlichen Grabfteine der beiden May befinden lich jetzt an der Außenſeite der alten Friedhofskapelle.


