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Jahre ſelbft Pädagogiarch. Er lorgte dafür, daß die Reform- gedanken nicht bloß auf dem Papier ſtehen blieben. Unter ihm hat das Pädagogium wieder die führende Stellung im helſiſchen Schulwelen, die es in der erlten Zeit ſeines Beltehens inne gehabt hatte, erlangt und die Darmltädter Schwelteranſtalt überflügelt. Zugleich hob lich auch die Vor- ſchule des Pädagogs, die Gießener Stadtſchule. Seit 1690 erſcheint in ihrem Lehrplan logar Griechiſch, und ſie macht den unteren Klalfſen des Pädagogiums Konkmurrenz.
Zum Verſtändnis der pädagogilchen Wirklam- Fintlub des keit Kilian Rudrauffs iſt außer dem Einfluß des Comenius noch leine innere Verwandtlchaft mit dem damals aufkommenden Pietismus beachtenswert. Im Jahre 1675 veröffentlichte der Senior der Frankfurter Geiſtlichkeit, Philipp Jakob Spener, feine„Pia desideria“(mit dem Untertitel„Herzliches Verlangen nach gottgefälliger Belſerung der wahren evangeliſchen Kirche“). Es ilt das grundlegende Buch des Pietismus. Er fandte auch ein Exemolar an Rudrauff, und dieſer dankte ihm am 30. Dezember 1675.1 Er ſieht die künftigen Kämpfe voraus, ja er hat ihren Vorgelchmack ſchon in Gießen ſelbſt erlebt. Warm drückt er Spener leine Zuſtimmung aus(sincere amplector devoto- que corde excipio). Aber, falt mag er es nicht geſtehen, ihm ſelbft ilt ſein unabläſſiges Eintreten„pro maiori et soli- diori pietatis studio“ in Wort und Schrift bei Kollegen und Freunden übel bekommen; er hat nichts erreichen können und iſt nun ganz ſtille, aus Furcht, ſich zu ſchaden, der Kirche aber nicht zu nützen.
In der Tat finden wir bei Rudrauff manches, was durch- aus dem Geiſte des Pietismus und ſeiner l'ädagogik entſpricht. Die geringere Schätzung kirchlicher Andachtsübungen kann man darin erblicken, daß er bei der Pädagogreform von 1669 darauf dringt, den Kirchgang der Schüler am Donners- tag Vormittag, der in der Not des 30jährigen Krieges im Jahre 1631 eingeführt worden war, zu beſeitigen und die dafür verwendeten zwei Stunden dem Unterricht zuzuweilen.
endlich der Theologie. Auch wurde er Stipendiaten-Ephorus und Superintendent von Gießen. Ihm wurde 1670 eine beſondere Päda- gogiarchen-Wohnung neben dem Pädagog errichtet; vgl. Schädel, 4. — Rudrauff leitete das Pädagog von 1670— 1690, wo er ſtarb.
¹ Vgl. W. Köhler,„Die Anfänge des Pietismus in Gießen“, Feſft- ſchrift II, 137, dem ich die folgende Inhaltsangabe des Briefes wört- lich entnehme.


