Aufsatz 
Geschichte des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums zu Giessen / von August Messer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

im Pädagogium entſprechend umgeſtaltet werden. Bis zum Mai 1614 arbeiteten die beiden mit Ratke in Frankfurt zuſammen, Jung an Lehrbüchern der Mathematik, Dialektik, Rhetorik; Helwig an Kompendien der deutſchen, lateiniſchen, griechilchen und hebräiſchen, auch der chaldäiſchen und ſyriſchen Grammatik. Im Jahre 1614 läßt Helwig mit Jung einenKurzen Bericht von der Didactica oder Lehrkunſt W. Ratichii erſcheinen. Als Hauptmangel des ſeitherigen Unter- richts werden darin bezeichnet: Das übertriebene Auswendig- lernen, zumal von unverſtandenem Stoff, das verfrühte Ueber- ſetzen in die fremde Sprache, die unpraktiſchen Lehrbücher. Sodann wird der Gedanke entwickelt: Das natürliche Lehr- talent und die logiſche und fachliche Ausbildung genügen nicht, um für den Unterricht zu befähigen. Bei dielem ſind vielmehr beſondere Geſetze zu beobachten, die teils in der zu bildenden Seele liegen, teils in den Unterrichtsſtoffen. Dieſe Geſetze feſtzuftellen, iſt Aufgabe einer beſonderen Disziplin, nämlich der Didaktik. Aus den allgemeinen didaktiſchen Grundlätzen ergeben lich aber gewiſſe Forder- ungen für die Umgeſtaltung des lateinilchen Unterrichts. Seither begann man ſofort mit Paradigmen und grammatiſchen Regeln und gab den Kindern etwa alle Tage ein paar un- zulammenhängende Vokabeln zu lernen. Auch die auf der unterſten Stufe benützte Grammatik war ganz lateinilch abgefaßt. jetzt ſollte an die Mutterſprache angeknüpft und darum auch die Regeln der lateinilchen Grammatik deutich abgefaßt werden. Aber nicht die grammatiſchen Regeln ſollten(wie bisher) Ausgangs- und Mittelpunkt des Unterrichts ſein, ſondern ein zuſammenhängender und interellanter Lehr- und Geſprächsſtoff, der auch erſt in der Mutterſprache den Schülern dargeboten werden ſollte. Die Grammatik ſoll lediglich Hilfsbuch für die Lektüre ſein; auch wird gefordert, daß nicht alle Regeln mit ihren Aus- nahmen in ſyſtematiſcher Vollſtändigkeit den Schülern geboten werden, ſondern nur eine Auswahl aus ihnen.

Im Sommer 1615 kehrten die beiden Profeſſoren von Augsburg, wohin ſie Ratke gefolgt waren, nach Gießen zurück. Da Jung ſchon 1615 nach Lübeck ging, war es vor allem Helwig, der die Durchführung pädagogiſcher Reformen an der Univerſität und am Pädagogium betrieb. Im Winter 1615/16 wurden 20 Schüler aus den drei unteren Klaſſen des Pädagogiums zuſammen mit einzelnen Stadtichülern und Profeſfſorenkindern unter Helwigs Ober- leitung von einem Pädagoglehrer Heinrich Medicus nach