— 20—
Deutſchland zu Gute kam, und daß von Gießen aus, wo vorher überhaupt kein Buchdrucker hatte beſtehen können, nunmehr mannigfache Lehrbücher in Tauſenden von Exem- plaren weithin lich verbreiteten.:
. Dieſe lebhaften pädagogilchen Beſtrebungen, Fintuß des die in Gießen herrſchten, fanden nun noch An-
regung und Klärung durch die Wirklamkeit des Wolfgang Ratke(Ratichius), der neben Comenius unter den bedeutenden Pädagogen des 17. Jahrhunderts in vorderſter Reihe ſteht. Er verfolgte mit ſeinen weitausſchauenden pädagogiſchen Reformbeſtrebungen in letzter Linie religiöle und patriotilche Zwecke. Er war von der Ueberzeugung durchdrungen, daß jeder, der in der Lage ſei, die hl. Schrift zu ſtudieren, lich dem Luthertum anſchließen würde. Um allo die unſelige Glaubensſpaltung zu überwinden, um alle Deutſchen auf dem Boden der evangeliſchen Lehre zu ver- einigen und damit die Größe und Macht des Reichs zu fördern, gab es nach ihm kein beſlſeres Mittel, als möglichlt weite Kreiſe des Volkes zu befähigen, die Bibel im Urtext oder wenigltens in der deutſchen Ueberſetzung zu leſen. Erreicht ſollte das werden durch eine Neugeltaltung des Sprachunterrichts, Ausarbeitung zweckmäßiger Lehrbücher und durch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht. Im Jahre 1612 trat Ratke mit leinen Plänen in die Oeffentlich- keit, indem er dem in Frankfurt zur Kaiſerwahl verlammelten Reichstag eine Denkſchrift übergab. Mehrere lutheriſche Fürften, darunter Ludwig V. von Heſſen-Darmſtadt, nahmen lebhaften Anteil an leinen Beſtrebungen. Er befuchte damals auch— bei Gelegenheit der Doktorpromotion eines Freundes — Gießen und fand bei den Profefloren Verftändnis und Zuſtimmung für ſeine Ideen. Wichtig war, daß Mentzer, der großen Einfluß beim Hofe hatte, ſich dafür intereſſierte. Mit Feuereifer aber ging Helwig darauf ein. Im juli 1613 erhielt er mit ſeinem Kollegen, dem als Mathematiker und Naturforſcher berühmten Joachim Jungius,. Urlaub, um Ratkes Ideen näher kennen zu lernen und ihn in der Aus- arbeitung von Lehrbüchern zu unterltützen. Später ſollte dann der Unterricht in der philoſophilchen Fakultät und
1 Vgl. Diehl II, 25.
2 Vgl. über ili Guhrauer,„Joachim Jungius und ſein Zeitalter“, Stuttgart 1850.
Avé-Lallement,„Des Joachim Jungius Briefwechſel mit ſeinen Schülern und Freunden“, Lübeck 1863.


