Aufsatz 
Geschichte des Seminars für Volksschullehrerinnen zu Darmstadt : (1902-1926) / [Verf. Oberstudiendirektor Dr. Jacobi]
Entstehung
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Bei der 4. Tagung(17. Februar 1923) verbreitete ſich der Direktor in längeren Ausführungen über die Gaudigſchen Schulrefor⸗ men, nach denen eine hochintereſſante Lehrprobe nach Gaudigſchem Muſter in unſerer 6. Aufbauſchulklaſſe von Frl. L. Willenbücher gehalten wurde, die ein Vierteljahr vorher 14 Tage die Gaudigſche An⸗ ſtalt beſucht und ihre Klaſſe bereits für die neue Unterrichtsweiſe etwas eingeſtellt hatte. Eine lebhafte Ausſprache für und wider die Methode ſchloß ſich an. Man war aber mit Recht vorſichtig im Urteil; darum ſöll in Zukunft bei ähnlichen Themen die Hauptausſprache erſt nach der er⸗ folgten Erprobung im Unterricht durch die Teilnehmer, alſo erſt bei der nächſten Tagung erfolgen. Die 5. Tagung(18. Mai 1923), die ſich eines außerordentlich ſtarken Beſuchs erfreute, brachte einen Vortrag des Di⸗ rektors über die Entwicklung des heſſiſchen Schul⸗ weſens von 1800 bis zur Gegenwart. Liedervorträge von Frl. Aßmuth., einer geſanglich hochbegabten ehemaligen Schülerin der Anſtalt, und des Seminarchors verſchönte die Tagung. Die 6. und 7. Seminartage waren geſellige Zuſammenkünfte bei Kaffee und Kuchen auf dem heiligen Kreuz und der Ludwigshöhe.

Die Vorträge, Lehrproben und Anregungen zu Ausſprachen ſollen ſich aber keineswegs nur auf die Mitglieder des Lehrkörpers beſchränken; wir erwarten vielmehr auch eine rege, Beteiligung aus den Kreiſen unſerer ehemaligen Schülerinnen, die gewiß höchſt wertvolle Beiträge aus der Praxis fuͤr die Praxis zu geben vermögen, ſo daß ſich dieſe Zuſammen⸗ künfte zu Arbeitsgemeinſchaften im wahren Sinne des Wortes aus⸗ wachſen. Wir hoffen beſtimmt, daß auch diejenigen dabei nicht fehlen werden, die dem Berufe entſagt und ſich verheiratet haben; vielleicht finden ſich ſogar manche mit ihren Männern ein, zumal dieſe zu einem hohen Prozentſatz ſelbſt Amtsgenoſſen ſind. Eigentlich ſollten wir ihnen zürnen, da ſie wie Perlenfiſcher gerade die beſſeren und beſten ihrem ge⸗ wählten Berufe entzogen haben. Da wir aber von vielen dieſer Ver⸗ heirateten wiſſen, daß ihnen ihre Ehemänner ein überaus trautes Heim bereitet haben, ſo grollen wir ihnen nicht, ſondern freuen uns mit unſeren ehemaligen Schutzbefohlenen ihres häuslichen Glückes.

Unſer Seminar gehört von Oſtern 1926 ab der Vergangenheit an; aber ſein Geiſt, der Geiſt eifrigen Strebens, reger Zuſammenarbeit, der Pflichttreue und Gewiſſenhaftigkeit möge fortleben auch in unſeren Se⸗ minartagen, zu deren Teilnehmerinnen ſpäter wohl auch diejenigen Lehrerinnen gehören werden, die ihre Vorbereitung in unſerer Aufbau⸗ ſchule erhalten haben, ſo daß damit die Seminartage gewiſſermaßen zu geiſtigen Mittelpunkten werden, um die ſich die gleichgeſinnten Streb⸗ ſamen ſammeln zu gemeinſamer Arbeit, zu gemeinſamem gemütlichen Zuſammenſein, zur Auffriſchung alter und zum Abſchluß neuer Freund⸗ ſchaften und zu Erinnerungen an ſchöne und ſauere Tage, und von denen ſie mit neuen Anregungen und erneuter Berufsfreudigkeit in ihre Wir⸗ kungskreiſe zurückkehren. Wenn ſich die auf die Seminartage geſetzten Hoffnungen erfüllen, dann dürften ſie auch die Vermittlung und Ver⸗ bindung herſtellen zwiſchen dem ſeitherigen und dem neueren Syſtem der Lehrerinnenbildung. Vielleicht wird es ſich dann auch herausſtellen, wie wir das ſchon eingangs unſerer Darſtellung glaubten feſtſtellen zu können, daß das Seminar tatſächlich beſſer war als ſein Ruf. Möchten doch alle Vorzüge der alten Anſtalt ſich auch auf die neue übertragen, und ihre Neuerungen ſo auswachſen, daß die aus ihr hervorgehenden Zöglinge in allen Berufen, denen ſie ſich zuwenden, ebenſo tüchtig ſind wie die beſten der übrigen höheren Lehranſtalten.

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